Berichte
Erstellt am Donnerstag, 13. September 2012
Geschrieben von Dr. Lutz Heidemann

Warum nicht mal auf historischen Pfaden im alten osmanischen Reich wandern? Lutz Heidemann stellt mit dem Evliya Çelebi Weg ein besonderes Projekt vor und fordert „Wanderer aller Länder vereinigt Euch“, wandert auch in der Türkei!

 

Zu Fuß oder zu Pferd durch Nordwestanatolien

Die Türkei durchläuft seit einer Generation einen gewaltigen Modernisierungsschub, der auch die Bevölkerungszahl ansteigen ließ und zu einer enormen Verstädterung führte, doch gleichzeitig besann sich das Land seines historischen Erbes. Es wurden nicht nur opulente Sultan- und Haremfilme hergestellt, sondern auch seriöse Forschungen zur osmanischen Geschichte und Kultur betrieben. Der harsche Bruch, den Atatürk mit der Verwestlichung der Kleidung und der zwangsweisen Einführung des lateinischen Alphabets auslöste, soll wieder geheilt werden. Dabei kommt der Türkei auch eine Brückenrolle zwischen Europa und ihren arabischen und iranischen Nachbarn zu, eine Rolle in der sich Ministerpräsident Erdogan gerne sieht. Deutschland sollte diese Veränderungen nicht ignorieren, weil eine große Zahl seiner Einwohner und Bürger eine enge Bindungen zur Türkei besitzt. Eine charmante Chance zum vertieften Kennenlernen bietet der neue Evliya Çelebi Weg, der – und das ist etwas besonderes – zugleich als Reit- wie als Weitwanderweg konzipiert wurde.

Der Namensgeber lebte von 1611 bis 1685 und wurde von der UNESCO zum „Mann des Jahres 2011“ gekürt; bei uns ist er nur Spezialisten bekannt. Das „ottomanische“ Reich war im späten 17. Jahrhundert ein Weltreich. Kurz bevor Evliya starb, war die Expansionsphase 1683 mit der gescheiterten zweiten Belagerung von Wien gerade vorbei, aber es gab an den Rändern, z.B. in Albanien oder Nordafrika genügend Gegenden, von woher authentische Nachrichten zu erfahren auf allgemeines Interesse stieß. Evliya - der Namenszusatz Çelebi ist ein Ehrentitel im Sinn von bewundernswert - verfasste ausführliche Berichte von dem, was er beobachtete. Er stand in der Tradition von arabischen Reisenden. Ein Reisender ist ein Mensch, der aus Neugier unterwegs ist.

Das deckt sich bei der Fortbewegungsart nicht ganz mit uns Fußwanderern, weil damalige Reisende auch mit Schiffen und Kutschen unterwegs waren, auf jeden Fall mehr zu Pferd als zu Fuß. Trotzdem möchte ich den neuen Weg empfehlen, aber bin ihn noch nicht gegangen. Ich kenne jedoch die Teile der Gegend, die der Weg durchquert und kenne Kate Clow, die bei der Wegemacherei und der Herstellung eines Führers wesentlich beteiligt war. Sie lebt seit 1993 in der Türkei, ist fasziniert beim Aufspüren alter Wege und ihr ist wichtig, dass diese Wege wieder genutzt werden. Der von ihr entwickelte Lycian Way ist inzwischen ein Selbstläufer geworden, Reiseunternehmer werben damit, auch deutsche Wanderanbieter, z.T. ohne dabei die Urheberin zu nennen. Ich bin 2004 mit meiner Frau längere Teile des „Lykischen Weges“ gegangen. Inzwischen hat Kate Clow weitere Fernwanderwege markiert und beschrieben und in der Osttürkei Gebirgsgegenden für Wanderer erschlossen. Auf der Homepage www.lycianway.com kann man mehr darüber lesen und sich auch über einen Newsletter auf dem Laufenden halten lassen.

Der Evliya-Weg ist - wie erwähnt - insofern besonders, weil er für zwei Fortbewegungsarten konzipiert wurde, Reiten und Wandern. Dabei wird auf die spezifischen Bedingungen beider Nutzer eingegangen. Es gibt streckenweise getrennte Routen und es gibt sogar Abschnitte, z.B. Ebenen, wo den Wanderern empfohlen wird mit einem lokalen Minitaxi weiterzufahren, die aber für Reiter reizvoll sind, weil sie da mal Galopp einlegen können. Oder Bäche machen Pferden wenig aus; Wanderer bevorzugen festen Untergrund. Und die Zeitangaben für die Etappen gehen selbstverständlich auf die unterschiedlichen Geschwindigkeiten ein.

Der Impuls für das Projekt ging von zwei wagemutigen Frauen aus: Die eine war die Historikerin Caroline Finkel, aufgewachsen auf einer Farm in Schottland, die sich schon lange mit der Alltags- und Militärgeschichte der Türkei befasst hat. Wie wurden Feldzüge logistisch organisiert, war das Thema ihrer Promotion. Die andere war Donna Landry, sie kommt von der Fernreiter-Seite. Hier spielt die imperiale Vergangenheit Englands eine Rolle; Engländer, aber auch Engländerinnen sind immer wieder über weite Strecken mit Pferden unterwegs gewesen. Diese Erinnerungen werden bis heute gepflegt. Und wenn man in der Türkei abseits ausgetretener Strecken unterwegs ist, kommt man fast zwangsläufig mit Kate Clow in Kontakt, die aber nach wie vor mit ihren beiden Hunden zu Fuß geht. Vom Evliya Celebi-Weg gibt es einen englischsprachigen Führer, der nach dem Schema der beiden bewährten ausführlichen Führer von Kate Clow zum Lykischen Weg und dem St. Pauls Trail aufgebaut sind. Es gibt u.a. geschichtliche und pflanzen- und tierkundliche Hinweise, auch eine kleine Sprachfibel. Die Route folgt ziemlich genau der Strecke, die Evliya 1671 auf seiner Pilgerfahrt nach Mekka benutzt hat. Er war mit Araber-Pferden, acht Dienern und drei Begleitern unterwegs. Aber ihm war es mit dem Ankommen in Mekka nicht eilig - er „mäandrierte“ anfangs in der weiteren Umgebung seiner Heimatstadt Istanbul herum - meinten die Autorinnen. Er besuchte und beschrieb kleinere ihm bisher unbekannte Orte zwischen Bursa, Afyon Karahisar und Usak.

Im Jahr 2009 brach eine ähnliche kleine Karawane mit Pferden, aber begleitet von Autos zu einer Expedition in Nordwestanatolien auf. Angeschlossenen hatte sich auch ein Biologe und die Spiegel-Bildredakteurin Susan Wirth. Vorausgegangen waren intensive Text- und Kartenstudien. Wo genau verlief die Reiseroute im 17. Jahrhundert? Viele Namen von Orten hatten sich inzwischen verändert. Es gab auch im Zusammenhang mit dem Zusammenbruch des osmanischen Reiches umfangreiche Bevölkerungsverschiebungen.

Das Wegeprojekt verfolgt verschiedene Ziele: Westeuropäer sollen das Land kennenlernen und die intensive Gastfreundlichkeit der anatolischen Bauern erleben, wie ich sie als junger „Rucksacktourist“ auch selbst so häufig erfahren habe, doch gleichermaßen soll die örtliche Bevölkerung Chancen für den Aufbau – oder zumindest die Bewahrung – ihrer „lokalen Ökonomie“ bekommen. Das richtet sich hier speziell auf Weidewirtschaft und Pferdezucht.

Der Evliya-Weg ist nicht nur als Kombi-Weg neuartig, sondern auch in der Art der Umsetzung in der Örtlichkeit. Es gibt keine Markierungen. Das hat mich zuerst irritiert. Kate Clow hatte auf den von ihr organisierten Wegen in der weiteren Umgebung von Antalya negative Erfahrungen mit Beschädigungen gemacht. Für Einzelkämpferinnen ihrer Art sind durchgängige und ständig erneuerte Markierung fast nicht zu leisten. Die Benutzer des Weges orientieren sich über eine intensive Kette von GPS-Daten, die von der Homepage heruntergeladen werden können. Markierungen zum Zurechtfinden im Gelände sind in diesem Teil der Türkei vielleicht auch nicht so nötig wie in den Küstenbergen Lykiens oder beim St. Pauls-Trail. Der Führer spricht von der Nutzung alter Wege auf halber Höhe, die modernen Straßen gingen eher durch die Talböden.

Die Verfasserinnen und ihr Freundeskreis sind optimistisch. Es soll weitergehen. Der Region wären derartige Erfolge zu wünschen. Ein Freundschaftsritt nach Syrien wurde durchgeführt. Andere Projekte sind ein „Sultansweg“, der von Wien nach Istanbul gehen soll, ein holländischer Führer wäre schon erhältlich. Auf der Homepage www.culturetoutesinturkey.com, wo es auch weitere Informationen zum Evliya-Weg und zum Erwerb des Führers gibt, erfährt man von weiteren erstaunlichen Projekten, u.a. dass an einem „Abrahamspfad“ von Urfa nach Hebron und Mekka gearbeitet wird. Also: „Wanderer aller Länder vereinigt Euch“, wandert auch in der Türkei, das Netzwerk macht mit und ist interessiert an Berichten.



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