Der Europäische Ferwanderweg 9 in Mecklenburg-Vorpommern - Ein Flop!

Berichte
Erstellt am Montag, 30. September 2002
Geschrieben von Dr. Lutz Heidemann

 

Die Verantwortlichen vor Ort favorisieren die Radfahrer.

Seit einigen Jahren weist die Deutsche Generalkarte, obwohl in dem groben Maßstab von 1: 200.000, doch wie sich zeigte mit ausreichender Präzision, einen durchgehenden Wanderweg entlang der deutschen Ostseeküste aus, der als E 9 Teil einer Verbindung von der französischen Atlantikküste bis Danzig ist und zum Europäischen Fernwegenetz gehört. Dieser Fernwanderweg war auch auf den Übersichtskarten der Europäischen Wandervereinigung zur Sternwanderung vom Sommer 2001 („EuroRando“) enthalten. Man konnte daraus den Schluss ziehen, er müsste auch in der Örtlichkeit existieren.

Uns reizte dieser Teil Deutschlands. Wir wollten die Natur und auch die kleineren und größeren historischen Küstenstädte und die dort geleistete Wiederherstellungsarbeit kennen lernen. Meine Frau und ich waren nicht zum ersten Mal in Mecklenburg-Vorpommern; 1998 sind wir auf unterschiedlich markierten Wegen in zehn Tagen über 300 km von Wismar bis Neubrandenburg gewandert, aber die Küste hatten wir damals nicht gesehen. So machten wir uns im August 2002 auf den Weg.

Ich hatte wieder eine zehntägige Tour vorbereitet. Wir starteten in Altbuckow östlich von Wismar und erreichten nach ca. 270 km am 10. Tag Wolgast. Die Rahmenbedingungen waren gut. Bis auf einen Regentag am Anfang war bestes Sommerwetter. Trotzdem gab es einiges auszusetzen, zumindest kann ich die Tour nicht uneingeschränkt empfehlen.

Als wir wieder nach Hause gekommen waren, war inzwischen die Internet-Seite „www.wanderbares-deutschland.de“ des Deutschen Wanderverbandes installiert worden. Die Etappen, die wir gewählt hatten, waren nahezu identisch mit den dortigen Angaben. In der generellen Routen-Charakterisierung heißt es u.a.: „Auf naturnahen Pfaden entlang der Ostsee-Küste genießt man den Anblick reizvoller Seebäder, die einst aus Fischerdörfern entstanden [sind]...“. Die Seebäder mit ihrer Wilhelminischen Architektur kann man reizvoll finden, das ist Geschmackssache und ein „weites Feld“, doch von naturnahen Pfaden konnte nur sehr eingeschränkt die Rede sein, denn weit überwiegend werden die Wanderer über breite befestigte Radwege geführt.

Besonders krass waren die Verhältnisse auf dem Abschnitt Kühlungsborn - Zingst, also dem Teil, der direkt an der offenen Küste lag. Dort waren die Radwege perfekt ausgebaut oder standen kurz vor der Vollendung. Da war viel Geld verbaut und noch stolz das Etikett „Europäischer Fernwanderweg“ auf dem Bauschild angebracht worden. Pulks von Radfahrern, die z.T. nur an ihre Badeplätze gelangen wollten, zogen an uns vorbei. Wir fühlten uns neben ihnen als „Menschen zweiter Klasse“. Radfahren hat sich inzwischen zu einem Gruppensport entwickelt, im sympathischsten Fall zu einer Familienausflugs-Angelegenheit.

Entweder mit Faszination oder als eine besondere Perfidie konnten wir die an uns vorüberziehende Inline-Scater auffassen. Allein oder in Gruppen huschten elegante junge Menschen vorbei. Verleiher für die Geräte dieser Trendsportart hatten sich an den Ortsausgängen niedergelassen. Mit Rucksack „sieht man da alt aus“ und sucht sich leicht stolpernd seinen Weg am Fuß des Dammes. Oft sind wir dann direkt ans Wasser ausgewichen und über den feuchten Sand gelaufen, doch auch da mit unseren Teleskop-Wanderstöcken merkwürdig betrachtet von den meist sehr spärlich bekleideten Badegästen. Später dann von Barth bis Greifswald ist die Küste überwiegend verschilft; dort geht es ruhiger zu. Hier hatten wir reizvolle Ausblicke auf den Bodden und den Strelasund. Die Kirchtürme sah man näherkommen oder langsam verschwinden. Später querten wir größere Waldstücke.

Kann man der Grobtrassierung voll zustimmen, müsste im Detail an der Wegeführung noch manches verbessert werden. Muss man zum Beispiel hinter Warnemünde solange auf der Straße gehen? Kann nicht im Bereich Heiligendamm ein Fußweg, als bescheidener Trampelpfad, parallel zum Radweg markiert werden? Können nicht die Fußgänger westlich von Kinnbackenhagen auf dem Deich direkt nach Wendisch-Langendorf gehen? Dass die Radfahrer aus dem Landschaftsschutzgebiet herausgehalten werden sollen, verstehe ich ja. Kurz vor Barhöft scheint der direkte Weg weggepflügt worden sein. So gäbe es viele kleine Verbesserungsmöglichkeiten.

Sehr mangelhaft war die Markierung. Das Grundzeichen ist ein blauer Balken auf weißem Grund. Bei der Markierung und den Wegweisern fanden wir keinen einzigen kein Hinweis darauf, auf einem Europäischen Fernwanderweg zu sein. Vielleicht wäre eine Lösung, so wie in Slowenien, bei der Überlagerung eines nationalen mit einem internationalem Weg, angebracht, dass jede fünfte oder zehnte blau-weiße Markierung den Zusatz E 9 erhält, denn auch abzweigende Wege scheinen so markiert zu sein. Auf dem Abschnitt hinter Barth fehlten die Markierungen; es gab nur Hinweise auf lokale Wegstücke.

Das Herein- und Herausführen aus Stralsund war problematisch. Nördlich und östlich der Stadt sind Uferabschnitte durch öffentliche und halbprivate Nutzer unzugänglich. Hier Abhilfe zu schaffen, im Extremfall über Stege im Wasser mit Einblicksmöglichkeiten in den Betrieb eines Hafens oder einer Werft, kann viel Geld kosten, bedeutet aber für Bevölkerung wie Besucher ein Zugewinn an Stadtqualität.

Beim Weg aus Stralsund heraus tauchten erst weit draußen erste Markierungen auf und lenkten uns in Richtung Justizvollzugsanstalt, aber dann kamen wir in eine Sackgasse. Wenig später wurden wir auf einem Betonplattenweg, der zugleich Zufahrtsweg für die Lkws einer Müll-Deponie war, geführt. Den Verantwortlichen für die Trassenführung auf dem Abschnitt Greifswald—Wolgast nehme ich es persönlich übel, dass wir hinter Eldena bis Friedrichshagen entlang einer starkbefahrenen Bundesstraße und später auf einer Asphaltstraße bis Großschönweide gehen mussten, wogegen ruhige und sogar granitgepflasterte Wege im angrenzenden Wald existieren. Man kann es auch merkwürdig finden, dass ein Europäischer Fernwanderweg eine kulturelle Besonderheit wie das ehemalige Zisterzienser-Kloster Doberan so schnöde links liegen lässt. Wenigstens eine Wegevariante über Doberan sollte entwickelt werden.

Andere Weitwanderer haben wir nicht getroffen. In den Hotels wurden wir bestaunt. Auf unseren Hinweis, dass die Strecke für Wanderer Mängel hätte, bekamen wir einmal die Antwort, das hätten auch schon andere Gäste gesagt. Die Verantwortlichen müssen sich entscheiden, ob sie Wanderer wollen und ihnen dann eine adäquate Wegeführung anbieten.

Doch ich will versöhnlich schließen, wir haben uns erfolgreich durchgeschlagen; letztlich war es eine schöne Tour und Wanderer sind ja „hart im Nehmen“. Die Luft tat uns gut; die wechselnde Landschaft zog uns weiter; die Menschen, die wir ansprachen, waren freundlich und hilfsbereit. Stoff zum Nachdenken über das heutige Aussehen des durchwanderten Gebietes, die Formung von Landschaft in der Eiszeit und das immerwährende Verändern der Küsten gab es genug.

Wer unsere Tour im Detail nachvollziehen will, hier noch einmal die Etappen:

1. Wandertag: Pepelow bis Kühlungsborn-Ost, viele Hotels 28 km

2. Wandertag: bis Warnemünde, viele Hotels 24 km

3. Wandertag: bis Wustrow (32 km) oder Ahrenshoop 31 km

4. Wandertag: bis Prerow (26 km) oder Zingst 30 km

5. Wandertag: bis Barth, Hotel „Speicher“ 038231/63-300 24 km

6. Wandertag: bis Barhöft, „Hotel Seeblick“ 038323/ 4500 36 km

7. Wandertag: bis Stralsund, viele Hotels 17 km

8. Wandertag: bis Reinberg 27 km Oberhinrichshagen Hotel Borgwarthof 038328/ 8650

9. Wandertag: bis Greifswald, viele Hotels 30 km

10. Wandertag: bis Wolgast, 38 km Hotel Peenebrücke, Burgstr.2 03836/ 27260

Rückfahrt zum Auto

Wir sind dann noch mit dem Auto durch die kleineren und größeren Städte von Ostmecklenburg und Vorpommern gefahren und haben viele backsteingotischen Kirchen und bescheidenen oder prächtigeren Bürgerhäusern betrachtet, die reichen Museen und Galerien besucht und uns an den umfangreichen Renovierungen erfreut.

Als eine Alternative zu einer Küstenwanderung unser Weg im Jahr 1998:

1. Wandertag: Wismar bis Wickendorf nördl. von Schwerin (Seehotel Frankenhorst 0385/555071) 31 km

2. Wandertag: durch Stadt Schwerin bis Leezen (Hotel Leezen 03866/4050) 25 km

3. Wandertag: bis Sternberg 30 km

4. Wandertag: bis Güstrow 38 km

5. Wandertag: nachmittags bis Krakow am See 22 km

6. Wandertag: bis Malchow über Nossentiner Heide 33 km

7. Wandertag: bis Waren 28 km

8. Wandertag: bis Boek 22 km

9. Wandertag: bis Neustrelitz 29 km

10. Wandertag: bis Prillwitz 19 km

11. Wandertag: bis Neubrandenburg 17 km

und nachmittags mit Bahn zurück nach Wismar.

Es stellte sich damals heraus, dass die „Kompass-Karten“ recht brauchbar waren. Im Nationalpark Müritz benutzten wir die von ihm herausgegebene Karte. Auch damals wurden wir an einigen Etappen, z.B. Sternberg—Güstrow über befestigte Wege geführt, doch insgesamt trat dieses Problem nicht in der Schärfe wie bei dem Küstenweg auf. Nun stellte ich fest, dass inzwischen größere Abschnitte unserer damaligen Tour unter dem Begriff E 9a firmieren.

Erschienen in "Mitteilungsblatt" Zeitschrift des Vereins Netzwerk Weitwandern e.V. Mitteilungsblatt 08 - Oktober 2002



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