Wanderführer Italien

Die Lanzo-Täler

Erstellt am Sonntag, 05. Juli 2015
Geschrieben von Friedhelm Arning

 Werner Bätzing/Michael Kleider:

Die Lanzo-Täler; Belle Epoque und Bergriesen im Piemont

Rotpunkt-Verlag, Zürich 2015

 

 

 

 

 

 

 

I Einführung

 

Mit diesem Buch hat Werner Bätzing in Cooautorenschaft mit Michael Kleider erneut einen Wanderführer über eine Region, die piemontesischen Alpen, vorgelegt, der schon seit langem sein besonderes Augenmerk gilt, nicht nur als Wanderer sondern insbesondere auch als Kulturgeograf. So ist der Begriff „Wanderführer“ m.E. auch nicht ganz korrekt. Ich würde eher von einem Sachbuch und Wanderführer über eine im deutschsprachigen Raum häufig noch völlig unbekannte Alpenregion sprechen. So heißt es u.a. auch im Vorwort: „Da die Gefahr groß ist, dass die Wanderer in den Lanzo-Tälern fast nur Natur wahrnehmen und dabei die zahlreichen Relikte der traditionellen bergbäuerlichen Nutzungen übersehen, bringt dieser Wanderführer wieder eine ausführliche Sacheinführung. Dadurch lernt man, während der Wanderung mehr zu sehen und zu entdecken, was das Vergnügen beim Gehen spürbar erhöht.“ Die Autoren bleiben hier ihrem Konzept, dem sie auch schon in anderen Wanderführern des Rotpunkt-Verlages gefolgt sind, treu.

 

Vor der eigentlichen Besprechung des Buches mag es, angesichts der Tatsache, dass die beschriebene Region z.T. noch weitgehend unbekannt ist, angezeigt sein, kurz auf ihre Lage einzugehen. Sie umfasst, von Nord nach Süd, die drei Täler Val Grande, Val di Ala und Val di Viù, die in Lanzo zusammenlaufen, daher der Name. Die gesamte Region grenzt südlich an den Gran-Paradiso-Nationalpark und liegt nördlich der Trasse „Turin-Susa“ ca. 40 km nordwestlich von Turin. Die Lanzo-Täler gehören zu den Grajischen Alpen.

II Aufbau des Wanderführers

 

Neben Inhaltsverzeichnis, Vorwort und Geleitwort ist der Führer in drei Hauptabschnitte gegliedert:

  1. Eine ausführliche( 69 Seiten) Einführung in die Lanzo-Täler;
  2. Wegbeschreibungen;
  3. Praktische Hinweise für Wanderer.

 

Im vorderen Umschlagteil findet man eine Übersichtskarte mit den Wanderwegetappen und Unterkünften, im hinteren eine Karte zur Lage der Lanzo-Täler im Rahmen der Westalpen.

Auf ein Personen,- Orts- bzw. Schlagwortregister wird leider verzichtet.

 

II, 1: Einführung in die Lanzo-Täler

Die Einführung ist in drei Abschnitte gegliedert. Zunächst giobt es einen Überblick über die Lage und die Charakteristika der Region. Dem aufmerksamen Leser wird dadurch schon deutlich, was ihn dort erwartet aber auch, auf was er sich einlässt, wenn er dieses Gebiet erwandern will.

Es folgt dann eine sehr detaillierte Darstellung der drei Täler als Lebens- und Wirtschaftsraum. Dabei wird kaum ein relevanter Aspekt ausgelassen. Der Bogen spannt sich von der Geschichte über traditionelle Siedlungsstruktur und Landwirtschaft, Industrie (Bergbau und Metallverarbeitung), Sprache und Bevölkerungsentwicklung bis hin zu möglichen Zukunftsperspektiven für dieses Gebiet. Ein ausführlicherer Abschnitt ist der Entwicklung des Tourismus gewidmet, setzte dieser in den Lanzo-Tälern doch bereits sehr früh ein. Das gesamte 19. Jhdt. hindurch waren sie bevorzugtes Sommerfrischen-Gebiet zunächst reicher Turiner Familien, zu denen sich später auch Gäste aus Mailand und Genua gesellten. Dies führte nicht nur zum Ausbau entsprechender Infrastruktur sondern brachte, da diese Art des Urlaubs nur den Wohlhabenden vorbehalten war, auch urbane Architektur (Villen, Luxushotels und öffentliche Gebäude) im zeitgemäßen Stil der Belle Epoque ins Hochgebirge. Sie ist zu einem besonderen Merkmal der Lanzo-Täler geworden.

Der dritte Teil der Einführung befasst sich mit Geologie, Klima, Oberflächenformen sowie Flora und Fauna des Gebietes und ihren Veränderungen, insbesondere auch durch den Klimawandel.

 

II, 2: Wegbeschreibungen

In diesem Abschnitt wird ein Weitwanderweg mit 12 Etappen beschrieben, der von bestimmten Etappenorten aus mit 6 zusätzlichen Ausflugsetappen ergänzt werden kann. Die Etappen sind so gewählt, dass an ihren jeweiligen Ausgangs- und Zielorten bewirtschaftete Unterkunftsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, so dass ein Zelt nicht erforderlich ist und auch nur die Unterwegsverpflegung im Rucksack Platz finden muss. Ausgangs- und Endpunkt der gesamten Wanderung, Lanzo-Torinese und Susa sind sehr gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar.

Der Abschnitt „Wegbeschreibungen“ ist in sechs Kapitel unterteilt. Die ersten beiden befassen sich mit dem Ausgangsort der Tour, Lanzo-Torinese und dem Anmarsch (Etappen 1 und 2); die Kapitel drei, vier und fünf beschreiben den Weg in jeweils einem der drei Lanzo-Täler: Etappen 3 und 4 im Val Grande, Etappen 5 und 6 im Val di Ala, Etappen 7-10 im Val di Viù. Das sechste Kapitel schließlich stellt den Schlussabschnitt nach Susa dar (Etappen 11 und 12).

Die Kapitel zwei bis sechs sind nach einem einheitlichen Muster aufgebaut: Zunächst gibt es eine Kartenskizze im Maßstab 1:100 000, auf der die Wegverläufe der beschriebenen Etappen, Unterkunftsmöglichkeiten, die wichtigsten Höhenzüge und Gipfel, einige Straßen, Orte, Flussläufe und Seen sowie div. sakrale Gebäude verzeichnet sind. Dann folgt eine Seite mit den jeweiligen Etappenunterkünften (Adresse, Zahl der Plätze, Öffnungszeiten, Telefonnummer und ggf. Homepage sowie weitere Hinweise, etwa ob ein Restaurant angeschlossen ist, ob Lebensmittel verkauft werden etc.). Auf den nächsten Seiten wird dann eine genaue Wegbeschreibung geliefert, häufig noch eingeleitet durch spezifische für diese Etappe relevante Hinweise, z.B. besonders schwierige Abschnitte und ihre Umgehungsmöglichkeiten, und einer Kurzbeschreibung interessanter Sehenswürdigkeiten entlang des Weges. Hin und wieder sind in die Kapitel, durch graue Hinterlegung hervorgehoben, Abschnitte zu besonderen, für die Lanzo-Täler relevanten Aspekten eingefügt, z.B. zu den Wallfahrtsorten, dem Bergführerwesen, der Wasserversorgung etc.

Das erste Kapitel ist anders strukturiert. Es ist im Wesentlichen ein Ortsführer über Lanzo-Torinese ergänzt um einen Vorschlag für eine 3 ½ -stündige Eingehetappe zu einem nahegelegenen Wallfahrtsort.

 

II, 3: Praktische Hinweise für Wanderer

In diesem Abschnitt finden sich die üblichen Hinweise: Gebrauch des Führers, Ausrüstung, günstige Wanderzeiten, Unterkünfte, Anreise, Kartenmaterial etc. Vier Unterpunkte möchte ich allerdings besonders hervorheben:

  1. Hinweise auf Schlechtwetteralternativen, z.B. gut erreichbare sehenswerte Ortschaften;
  2. Informationen zu Aktualisierungen des Führers, die u.a. auch noch kurz vor Antritt der Wanderung über eine Internetseite des Rotpunktverlages abrufbar sind, so dass man stets auf dem aktuellsten Stand ist (z.Zt. sind allerdings noch keine Einträge zu diesem Führer vorhanden);
  3. Eine Kurzbeschreibung anderer Weitwanderwege, die durch diese Region führen;
  4. Ein ausgewähltes Literaturverzeichnis zur Vertiefung der in diesem Führer notwendigerweise nur verkürzt angesprochenen Themen, z.T. allerdings mit Büchern nur in italienischer Sprache.

 

Zahlreiche Fotos runden das Buch ab, meist farbig, hin und wieder aber auch in Schwarz-Weiß, um bestimmte historische Aspekte zu verdeutlichen.

III Zusammenfassende Beurteilung

Das Buch beschreibt eine Wanderregion, die zumindest im deutschsprachigen Raum noch wenig bekannt ist.  Daher ist die Ausführlichkeit, mit der die Informationen dargeboten werden, durchaus angemessen. Auch die detaillierten Wegbeschreibungen hält der Rezensent, der in den piemontesischen Alpen schon häufiger gewandert ist, für sehr sinnvoll, da Wegführung und fehlende Markierungen doch hin und wieder Rätsel aufgeben könnten, wie’s denn nun weitergeht.

Positiv sei der verwendete Typus von Kartenskizzen für die einzelnen Etappen hervorgehoben, die eine recht gute Gesamtorientierung in dem durchwanderten Gelände erlauben. Die Skizzen ersetzen natürlich keine gute aktuelle Wanderkarte im Maßstab 1:25 000 (im Führer wird auf entsprechendes Kartenmaterial und darauf, wie man es bekommen kann, hingewiesen.). Besonders gute praktische Hinweise, da in der Führerliteratur auch ein wenig aus dem Rahmen fallend, sind bereits unter II, 3 vermerkt.

Kritisch seien drei Dinge angemerkt:

  1. Da der Führer ja zugleich auch ein informatives Sachbuch darstellt, wäre es hilfreich, wenn er auch über ein Schlagwortregister erschlossen werden könnte.
  2. Zum Standard gehört es heute zunehmend, dass der Verlag zu einem Wanderführer GPS-Daten kostenlos zum Herunterladen bereitstellt. Ein entsprechender Hinweis ist in diesem Führer nicht zu finden.
  3. Format und Gewicht (annähernd 400 g) sind sehr unhandlich. Gerade wenn es erforderlich ist, häufiger einen Blick in die Wegbeschreibung werfen zu müssen (s.o.), bräuchte es eher ein Format für die Hosentasche. Vielleicht lässt sich ja doch noch etwas abspecken. Ob wirklich alle über 170 Fotos erforderlich sind,  die zwar Freude beim Durchblättern machen aber deren zusätzlicher Informationsgewinn häufig nicht unbedingt gegeben ist, mag bezweifelt werden. Auch ließe sich möglicherweise über eine andere Papierwahl noch Gewicht einsparen.

 

Summa Summarum halte ich den Führer aber für ausgezeichnet. Er macht Lust, eine Region zu entdecken. Ich wünsche ihm viele Leser und noch mehr Weitwanderer, die sich nach der Lektüre auf den Weg durch die Lanzo-Täler machen, nicht nur zu ihrem eigenen Wohl sondern auch zu dem der dort lebenden Menschen.

 



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