Ungarn

Vielen wenig bekannt: der Norden Ungarns

Der Norden Ungarns – eine (oft) wenig bekannte Region Europas: Unterwegs auf dem Europäischen Fernwanderweg E4 (Kék-tura)/EB von Sátoraljaújhely (Grenze zur Slowakei) bis Putnok - im Mai 2009.

1. Tag: Anreise Heidelberg nach Sárospatak

Holunderplantagen und tanzende Mädchen

Denkt man an Ungarn, fallen einem sofort Budapest, der Plattensee und die Puszta ein. Der Nordosten des Landes ist dagegen weit weniger bekannt. Nicht mehr die Slowakei, sondern dieser fremde Landesteil erwartete dieses Jahr „die Eisernen“ der Wandergruppe.

Um 10.30 Uhr flogen wir von Frankfurt nach Budapest, wo wir pünktlich um 12.05 Uhr auf dem Flughafen Ferihegy landeten. Mit dem Zug ging es weiter in den Nordosten von Ungarn. Unweit des berühmten Weinortes Tokaj erreichten wir dann den Bodrog, der hier in die Tisza (Theiß) mündet. Später fielen uns kurz vor unserem Tagesziel am Südrand des Zempliner Gebirges große weiß blühende Holunderplantagen auf. Auch in den nächsten Tagen kamen wir immer wieder an solchen Holunderkulturen vorbei.

Um 19.00 Uhr trafen wir in Sáros-patak ein. Vor dem Bahnhof grüßte uns die Skulptur einer Mädchen-Tanzgruppe. Durch einen Park mit vielen Bäumen, der sich bei den Schülern des nahen Kollegiums großer Beliebtheit erfreut, gelangten wir zum reformierten Kollegium, einem Gymnasium von hoher Qualität. An einer Kreuzung befand sich auf einem Holzstrommast ein großes Storchennest und der Besitzer war gerade eifrig am Klappern. In der Dobó Ferenc út 39 wurden wir mit sehr lautstarkem Gebell empfangen. Fast jedes Haus hatte einen Wachhund und beim Vorbeilaufen an den Vorgärten gab jedes Tier sein Bestes. In der kleinen Pension „Harmónia Panzió“ bezogen wir für zwei Nächte Quartier.

2. Tag: Stadtführung Sárospatak, Sátoraljaújhely → Makkoshotyka

Eine Hochburg klassischer Bildung, Tokajer und die heilige Elisabeth

Kurz nach dem Frühstück holte uns Frau Szabo zur Stadtführung in Sárospatak ab. Hohe Bedeutung hat das kirchliche Kolleg (reformiertes Kollegium), das wir gleich am Anfang besichtigten. 14- bis 18-jährige Schüler machen an diesem Gymnasium heute ihr Abitur. In den 1950er Jahren wurde die Bildungsanstalt aus politischen Gründen geschlossen und erst 1989 mit dem Zusammenbruch des Kommunismus wieder eröffnet. 1531 erfolgte die ursprüngliche Gründung. Rákóczi I. und seine Gattin Zsuzsanna Lorantffy sorgten im frühen 17. Jh. für umfangreiche Gebäude, für ausgezeichnete Lehrkräfte und für eine Bibliothek von Rang mit einer Druckerei.

Uns beeindruckte während der Führung vor allem die Bibliothek. Die wertvollen alten Bibelübersetzungen, u. a. von Luther und auf Arabisch, Jüdisch und in Sanskrit fielen besonders auf. An der Decke sind Gemälde von Minerva und Apollon, die Wände sind holzgetäfelt. 2006 konnten 85 % der Buchraritäten, die 1945 von der sowjetischen Armee geraubt wurden, wieder beschafft werden.

Beim weiteren Stadtrundgang gelangten wir vor der Burgkirche zu der Bronzestatuengruppe der heiligen Elisabeth und ihres Mannes, dem Landgraf Ludwig von Thüringen. Elisabeth wurde 1207 in Sárospatak als drittes Kind des ungarischen König Andreas II. und der bayrischen Herzogin Gertraud aus dem Geschlecht Andechs–Meranien geboren.

Beeinflusst von dem Franziskanerorden errichtete sie in Marburg/Lahn ein Spital. Dort verstarb sie bereits mit 24 Jahren. Die heilige Elisabeth zählt zu den herausragendsten Frauen der europäischen Geschichte. Der Fernwanderweg Eisenach – Budapest (EB), auf dem wir unterwegs sind, folgt den Spuren dieser berühmten Frau.

Unweit der Bronzeplastik der hl. Elisabeth erreichten wir die Hauptsehenswürdigkeit der Stadt, das Renaissanceschloss Rákóczi oberhalb des Flusses Bodrog. Im 15. Jh. wurde der Rote Turm (Vörös-torony) errichtet. Wehranlagen waren mit Teilen der Stadtbefestigung verbunden. Der gesellschaftliche Aufstieg der kleinadligen Familie der Rákóczi erfolgte während der Türkenkämpfe. Im Rahmen unseres Burgbesuches besichtigten wir den Palas, die Keller, Lagerräume und Wehranlagen mit Schießscharten. Sehr empfehlenswert ist der Aufstieg auf den Roten Turm. Ein Rundgang über die Wehrmauern bietet einen wunderschönen Ausblick auf die Stadt, den Fluss und die umliegenden sanften Konturen der Zempliner Berge.

Mit dem Taxi fuhren wir gegen Mittag in Richtung Sátoraljaújhely. An einem Waldhang erreichten wir den "Kék-túra"-Wanderweg (europäischer Fernwanderweg E4). Schmale, mit Laub bedeckte Pfade erwarteten uns. Nur leichte An- und Abstiege waren zu bewältigen. Junge Buchen- und Eichenwälder wechselten sich ab. Glockenblumen und eine Zikade weckten unsere Neugier. Immer wieder rief ein Kuckuck. Fast schien es, als ob das Tier vor uns her flöge. Dadurch wurden wir aber auch auf andere Vogelstimmen aufmerksam. Buchfinken, Amseln, Drosseln, Fitislaubsänger, Heckenbraunelle, Meisen und Buntspechte waren zu hören. An vier Buntspechthöhlen kamen wir vorbei, aus denen die Jungen heftig um Futter bettelten. Eine noch flugunfähige Jungamsel flüchtete am Wegesrand. Mitten im Wald erreichten wir dann eine große Wiese mit einer Holzdatscha. Kirschbäume lockten uns mit ihren reifen Früchten verführerisch an. Auf einem Holzpfahl war ein Ochsenkopfskelett mit Hörnern befestigt. Wasser gab es auch aus einem Brunnen. Auf zwei Holzbänken legten wir hier eine ausgiebige Rast ein.

Auch die Fortsetzung des Weges führte im Laubwald entlang und damit blieb uns auch das lebhafte Vogelkonzert erhalten. Im Schlussteil der Halbtagestour ging es dann über große Wiesen. Offensichtlich handelte es sich um Brachland, das nicht mehr landwirtschaftlich genutzt wurde. Für Singvögel bot dies wiederum einen idealen Lebensraum. Finken, Meisen und einen Neuntöter bekamen wir zu Gesicht. Auch ein Sperber lauerte im Rüttelflug auf Beute. In einem kleinen Kiefernwäldchen hatte wohl erst vor wenigen Tagen ein Waldbrand gewütet. Büsche, Bäume und der Grasboden waren verkohlt bzw. angebrannt. In Makkoshotyka warteten wir dann an der Bushaltestelle auf den Bus zurück nach Sárospatak.

Bei dem schönen Wetter setzten wir uns später in Sárospatak noch in einen Biergarten. Das Abendessen genossen wir später wiederum im Lokal Vár gegenüber der beleuchteten Burg.

3. Tag: Makkoshotyka → Regéc

Vogelscheuchen, Kuckucksruf und Palinka (Schnaps)

Pünktlich um 8.00 Uhr stand der Taxifahrer vom Vortag vor unserer Pension. Er fuhr uns wieder etwa 10 km zum europäischen Fernwanderweg E4. Am Ortsrand von Makkoshotyka fanden wir sofort das blau-weiße "Kék-túra"- Wanderzeichen. Heute stand die erste längere Wanderstrecke von immerhin 26 km bevor. Bei 25° – 26° und schönem Wanderwetter herrschten beste Bedingungen.

Fasziniert waren wir zunächst von zahlreichen Vogelscheuchen, die am Ortsende ein Kartoffelfeld vor Wildfraß schützen sollten. Holzkreuze waren phantasievoll bunt mit alten löchrigen Pullovern, Hüten und zweimal sogar mit Hosen menschenähnlich bekleidet. Auf dem Kartoffelfeld bestand der Kopf einer Vogelscheuche aus einem Eimer, den wir abwechselnd spaßeshalber durch unsere eigenen Köpfe ersetzten.

Das Lachen verging uns jedoch rasch, denn jetzt, gleich am Anfang, ging es einen Pfad im Buchenwald steil nach oben. Abwechslung brachten zwei Kuckucke, die uns fast eine dreiviertel Stunde mit ihrem „Glücksruf“ unterhielten. Vielleicht war es ein Pärchen und einer der beiden hatte gerade ein eigenes Ei fremden Vogeleltern „untergejubelt“. Der Ruf des Kuckucks soll aber auch Glück bringen, und da wir alle Geld bei uns hatten, auch für weiteren Reichtum sorgen.

Nach einer weiteren halben Stunde erreichten wir Cifra kút, eine Quelle mit einer hölzernen Sitzgruppe. Auf breiten mit Waldfahrzeugen befahrenen Wegen marschierten wir dann weiter. Eichen- und Buchenwälder wechselten sich ab. Der Hauptanstieg der Tagesstrecke war bald darauf geschafft und kurzfristig wurden wir mit einem schönen Berg- und Talblick über das Zempléni-hegység (Zempliner Gebirge) belohnt. Da fast nur im Wald gewandert wurde, war die Tageshitze kaum zu spüren. 26.500 ha des vulkanischen Zempliner Gebirges sind Landschaftsschutzgebiet. Hier sind die meisten Raub- und Wildtiere Ungarns wie z. B. Wölfe, Luchse, Eulen, Wildschweine, Rothirsche, Rehe und Mufflons vorzufinden.

Zweimal kamen uns heute sogar Wanderer entgegen, was auf den weiteren Etappen selten der Fall war. Kurz nach 17.00 Uhr war noch ein kleiner felsiger Abstieg zu meistern und dann hatten wir den kleinen abgelegenen Ort Regéc, unser Tagesziel, erreicht.

Vor unserer Unterkunft „Veronika Panzió“ genossen wir bei dem schönen Wetter noch ein kühles Bier. Nach dem gemeinsamen Abendessen lud uns der Pensionsinhaber noch zu einer Runde Palinka ein. Da wir jedoch kein Ungarisch sprechen und unsere Gastgeber nur diese Sprache beherrschen, blieb die Kommunikation mit ihnen leider begrenzt. Trotz des nächtlichen Froschgequakes aus den beiden Gartenteichen schliefen wir wie die Murmeltiere.

4. Tag: Regéc → Boldogkőváralja

Rotes Gold, ein Trockenflussbett und Burgenromantik

Das heutige landestypische Frühstück bestand neben dem Paprika noch aus Tomaten, Käse- und Wurstscheiben, Butter, Marmelade und weißem Brot. Der Kaffee (kávé) ist für deutsche Gaumen gewöhnungsbedürftig. Ich bin deshalb wie schon in der Slowakei zum Teetrinker geworden.

Ein Blick aus dem Fenster zeigte bestes Wanderwetter, sonnig und jetzt am Morgen schon 19° C. 17 km waren heute zu wandern. Ein lang gezogener 325 m Aufstieg und dann fast nur noch abwärts (- 562 m). Eile war deshalb nicht geboten.

Vom unteren Ortsende aus sahen wir vor uns auf einem bewaldeten Berg die Burg von Regéc (Regéc vára). Zunächst ging es zu ihr über Wiesen aufwärts. Bald darauf wechselten wir auf einen breiten ungeteerten Fahrweg im Laubwald, der Zufahrt zur Burg. Wir merkten, dass heute Sonntag war, denn es waren, für uns ganz ungewohnt, auch andere Spaziergänger und Wanderer unterwegs. Oben angelangt, nach ca. zwei Stunden, den kurzen Weg rechts zur Burg liefen wir nicht, blieben wir zunächst auf dem Höhenweg, der aber bald rasch nach unten ins Dorf Mogyoróska führte.

Eine verschlammte Wiese führte uns weg vom Dorf zu einem fast ausgetrockneten Bachbett. Nur einige tiefere Löcher waren noch mit Wasser gefüllt. Auch hier hatte die dreiwöchige Trockenheit ihre Spuren hinterlassen. Etwa zwei Stunden marschierten wir mal rechts, mal links auf schmalem Pfad den „leeren“ Bach entlang.

Nach einer kleinen Rast erreichten wir bald danach das Ende des Wanderpfades entlang des trockenen Bachbettes. Leicht aufwärts durch Buschwerk stießen wir dann auf eine Teerstraße, an der sich mehrere Walnussbaumplantagen befinden.

Über den Friedhof erreichten wir dann den Ort Arka. Das Friedhofsgelände befindet sich auf einer abschüssigen Wiese und ist weder umzäunt noch ummauert. Auf vielen Grabsteinen bzw. Holzkreuzen sind Bilder der Verstorbenen zu sehen. Vor einigen Gräbern standen auch Holzschemel zum Sitzen für die Angehörigen.

Glücklicherweise fuhren fast keine Autos, denn erst nach einem weiteren dreiviertel Stunde Fußmarsch auf einer Teerstraße gelangten wir an unser Tagesziel, Boldogkőváralja. „Boldog“ heißt glücklich und „kö“ bedeutet Stein. Hauptattraktion ist jedoch die eindrucksvolle märchenhafte Burg, die oberhalb des Ortes auf einem mächtigen Felsgesims thront und beim Anblick von unten wie nahtlos mit dem Gestein verwachsen zu sein scheint. Für einen mittelalterlichen Ritterfilm die ideale Kulisse.

Schwierig gestaltete sich für uns die Suche nach unserem Übernachtungshotel, da in Ungarn die Häuser nicht immer nach aufeinander folgenden Hausnummern angeordnet sind. Nach längerem Fragen und Umherirren standen wir dann endlich am Ortsende unterhalb der Burg vor dem gesuchten Haus.

Bei dem schönen Wetter war es keine Frage, die Burganlage noch zu erklimmen. Nach zwanzig Minuten war auch der felsige steile obere Streckenabschnitt überwunden und die Außenmauer der Burg erreicht. Jetzt, am Spätnachmittag, bot sich ein sagenhafter Rundblick auf das Hernád-Tal mit dem Dorf und auf die umliegenden Berge des Zempliner-Gebirge. Im Inneren der Burg befinden sich ein Andenkenladen und ein kleines Museum mit alten Schriften, Waffen und Münzen. Die Burg Boldogkö (Glück-licher Stein) wurde im 13. Jh. erbaut. 1702 sprengten die Habsburger das mächtige Bollwerk der Siebenbürger Fürsten.

5. Tag: Boldogkőváralja → Forró-Encs im Hernád-Tal

Eile mit Weile, Akazienduft und Mähglück eines Roma

Wolfgang drängte zum Aufbruch, eine Zugverbindung um 12.11 Uhr müssten wir unbedingt erreichen.

Schon um 8.10 Uhr standen wir alle marschbereit am Hoteleingang und warfen einen letzten Blick zur Burg hinauf. Im straffen Tempo liefen wir dann längere Strecken auf wechselnden Teerstraßen entlang. Wir passierten den kleinen einsamen Bahnhof von Boldogköváralja, der weit außerhalb liegt. Bereits nach einer Stunde erreichten wir den Ortsrand von Hernádcéce.

Weiter ging es von hier auf einem ruhigen Höhenweg zwischen Wiesen entlang. Bald löste ein großes Akazienwäldchen die Grasflächen ab. Ein leichtes Brummen erfüllte die Luft. Tausende von Bienen waren in den Kronen der Akazien auf Honigsuche.

Der stramme Wanderschritt brachte uns weiterhin zügig voran und erst am Rand des Dorfes Gibárt legten wir eine kleine Pause ein. Keine Viertelstunde später tauchte ich meine Hände in das vertraute Wasser des Gebirgsflusses Hernád (slowakisch Hornád), an dessen Ufern wir bereits im slowakischen Paradies längere Wanderungen unternommen haben. Hier in Gibárt ist der Fluss im Sommer zwar flach, aber doch ca. 25 Meter breit. Über eine Brücke mit Eisengeländern gelangten wir auf die andere Dorfseite. Von Gibárt waren es dann noch fünf Kilometer bis zum Bahnhof in Forró-Encs, wo wir um 11.10 Uhr eintrafen. 16 km hatten wir also in drei Stunden bewältigt (Ø 5,3 km/h), und das bei der Hitze. Viel zu früh waren wir angekommen. Wie sich jetzt herausstellte, fuhr der Zug nach Miskolc erst in einer Stunde ab. Für eine Mittagspause war also jetzt nach dem Eilmarsch viel Zeit (Eile mit Weile).

In der Bahnhofsgaststätte von Forró-Encs aßen wir eine Suppe und sahen einem Roma zu, wie er das hohe Gras draußen am Bahngelände abmähte. Obwohl er nur ungarisch sprach, zeigte er mir durch Gesten, dass er drei kleine Kinder habe und sehr arm sei. Er heiße Laszlo. Am Bahnhofskiosk kaufte ich ihm auf seinen Wunsch hin eine Flasche Bier, Zigaretten und Kekse für seine Kinder. Im Gegenzug dafür durfte ich mit der Sense Gras mähen. Laszlo nickte mir nach zehn Minuten anerkennend zu, ich hatte doch auch schon viel Gras sauber abgemäht. Kurz bevor der Zug einfuhr, kam er uns noch auf den Bahnsteig nach und bat um ein Handy als Geschenk. Diesen Wunsch konnten wir ihm jedoch nicht erfüllen.

6. Tag: Forró-Encs im Hernád-Tal → Miskolc und Aggtelek

Großstadtflair und Busimpressionen E

ine Stunde brauchte der Zug von Forró-Encs nach Miskolc. Es ist die drittgrößte Stadt Ungarns mit 180.000 Einwohnern und neben Budapest der wichtigste Standort der Schwerindustrie. Mit der Straßenbahn fuhren wir ins Zentrum der Stadt. Es war sehr schwül und bei der schlechten Luft in den überfüllten Wagen waren wir froh, die Innenstadt erreicht zu haben. In der Fußgängerzone herrschte reger Betrieb und die zahlreichen Läden bieten die ganze Fülle des Konsums.

Die größten Sehenswürdigkeiten in Miskolcs sind heute die reformierte Kirche von 1560, das Nationaltheater, die doppeltürmige Barockkirche der Minoriten und die orthodoxe Serbenkirche. Imposant ist auch das Burgschloss vor der Stadt.

In einer Seitenstraße der Fußgängerzone genossen wir typische ungarische Küchengerichte. Meine Wahl fiel auf gefüllte Paprika. Das Essen schmeckte vorzüglich. Weiter schlenderten wir dann durch die belebte Fußgängerzone zum Busbahnhof der Stadt, wo sich auch ein Obst- und Gemüsemarkt befindet. Es herrschte großes Gedränge an den Abfahrtsplätzen der Busse, die von hier aus in alle Himmelsrichtungen des Landes fahren. Auch unseren Bus hatten wir rasch entdeckt. Über zwei Stunden waren wir jetzt mit ihm bis nach Aggletek unterwegs. Er war zunächst voll bis auf den letzten Platz. Bis zur dritten Haltestation weit außerhalb der Stadt musste ich stehen. Erst jetzt fanden alle Fahrgäste einen Sitzplatz. Ich setzte mich zu einer Gruppe von Jungen in der letzten Reihe. Sie besuchten ein Gymnasium in Miskolc und mussten hin und zurück an jedem Schultag insgesamt drei Stunden mit dem Bus fahren. Von Deutschland kannten sie die großen Automarken und Fußballvereine wie Bayern München und Borussia Dortmund.

Zunehmend wurde die Landschaft gebirgiger. Immer leerer wurde der Bus und um ca. 16.00 Uhr stiegen wir dann alleine an der Endstation, am „Cseppkó Hotel“, aus. Das Hotel liegt etwas außerhalb des Ortes Aggtelek auf einem Hügel, unweit einer der größten Tropfsteinhöhlen Europas. Die slowakische Grenze ist nur wenige 100 m entfernt.

7. Tag: Aggtelek → Szögliget → Aggtelek

Eine Geisterstadt, Ornithologen und ein besonderer Salamander

22 Kilometer betrug die heutige Wanderstrecke. Abgelegen und weitgehend unberührt, zählte das Karstgebiet des Nationalparks Aggtelek zu den Höhepunkten der gesamten Pfingsttour 2009. Durch Jósvafö fließt der Baradla. Ein kleiner Bach, nach dem auch die große Tropfsteinhöhle in der Nähe benannt ist und die wir morgen besichtigen wollten. Einige Gänse und Enten am Wasser vermittelten noch eine Dorfidylle, die bei uns zu Hause kaum noch existiert.

Anfangs führte der Wanderweg aus dem Dorf hinaus am Bach entlang. Im Laubwald ging es dann, wie gewohnt, rasch voran, bis wir in einem ansteigenden Talkessel mit großen Wiesen die Orientierung verloren. Zwar führten Wege in verschiedene Richtungen aufwärts zum umliegenden Wald, aber das Wanderzeichen fehlte. „Sternförmig ausschwärmen“, in solchen Situationen sind wir mittlerweile ein eingespieltes Team. Bereits nach einer Viertelstunde war rechter Hand der richtige Waldweg gefunden. Der weitere Verlauf der Strecke erwies sich als gut ausgeschildert. Die Wege waren „weich“ zu begehen. Nur kleine An- und Abstiege wechselten sich ab. Immer abgelegener wurde die Gegend. Aus dem Weg wurde ein schmaler Pfad, auf dem wir nun wie die Gänse hintereinander unterwegs waren. Der Laubwald wurde jetzt von Fichten und Tannen abgelöst.

Der Wald blieb auch weiterhin sehr dicht. Nur gegen Mittag lichtete er sich kurzzeitig. Eine Wiese mit einem großen Hochsitz erwies sich als der ideale Platz für eine Mittagspause. Beim Weitermarsch trafen wir überraschend auf eine Füchsin (Fähe) mit zwei Jungen. Keine 10 Meter vor uns kreuzte sie mit den tollpatschigen Kleinen unseren Weg. Der Wald hörte gleich danach auf und auf mit Büschen bewachsenen Wiesen waren Hausruinen, eine kleine Kapelle sowie ein Friedhof mit Holzkreuzen zu sehen. Auch einen ehemaligen Brunnen entdeckten wir. Wir hatten das verlassene Dorf Derenk erreicht.

Ursprünglich war es ein ungarisches Dorf, dessen Bevölkerung durch die Pest im frühen 18. Jh. dezimiert wurde, die Überlebenden flohen. Die Fürstenfamilie Esterházy siedelte hier jedoch ab 1711 wieder polnische Immigranten an. Die neuen Bewohner brachten ihre eigene Sprache und Religion mit. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Einwohner in einem öffentlichen Referendum befragt, ob sie zur Slowakei (Tschechoslowakei) oder zu Ungarn gehören wollten. Sie entschieden sich wohl aus wirtschaftlichen Gründen für Ungarn.

1936 wurde dann zum Schicksalsjahr des Ortes. Die abgelegene Lage und die waldreiche Umgebung waren seit jeher ideal für die Jagd. Der ehemalige Premierminister Miklós Horthy wollte jetzt hier ein von Menschen unberührtes Jagdgebiet schaffen. Sechs Braunbären wurden angesiedelt. Die lokale Bevölkerung stand diesen Plänen im Wege. Gegen Entschädigung verließen immer mehr Dorfbewohner ihren Wohnort und zogen in Nachbargemeinden mit besseren Ackeranbauflächen. Bis 1943 dauerte die Umsiedlung. Dann war Derenk menschenleer. Kirche und Gebäude wurden abgerissen. Heute treffen sich dort aber alljährlich noch ehemalige Bewohner und ihre Nachkommen zu einem Wiedersehen.

Nach einem einstündigen leichteren Abstieg, jetzt wieder im Laubwald, erreichten wir eine Hütte des Nationalparks von Aggtelek (Szalamandra Ház). Das Naturschutzgebiet umfasst über 60.000 Hektar. Über 1.000 kleine bzw. größere Höhlen des Aggteleker und Slowakischen Karstes zählen dazu. Sie wurden 1995 von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt.

Groß war unsere Enttäuschung, als wir von zwei Parkrangern erfuhren, in der Hütte gebe es außer Quellwasser nichts zu trinken. Eine dreiviertel Stunde später, nach drei Kilometern, saßen wir jedoch im Freien vor einer Gaststätte im Zentrum von Szögliget. Am Nachbartisch waren vier englische Ornithologen (besser: Lepidoterologen), die sich zu Forschungszwecken im hiesigen Nationalpark aufhielten. Schmetterlinge zählten zu ihren Studienobjekten. Die Information überraschte uns nicht, denn dass Nordungarn für Vögel und Schmetterlinge ein Paradies ist, hatten wir als Weitwanderer längst festgestellt.

Mit dem Bus fuhren wir um 18.30 Uhr nach Aggtelek zurück. Während der Fahrt, kurz vor dem Dorf, sahen wir auf einem Bergeshang gegenüber einen mit Büschen geformten Salamander. Er hob sich deutlich von seiner Umgebung ab. Der Feuersalamander ist das Logo des Aggtelek Nationalparks, da diese Tiere kühle und dämmrige Umgebung (Höhlen) lieben.

8. Tag: Aggtelek → Höhlenwanderung nach Jósvafö → Aggtelek

Naturschönheiten in einer der längsten Tropfsteinhöhlen Europas

Das Aggtelek- und das angrenzende slowakische Karstgebiet bilden geographisch eine Einheit. Die über 1.000 Höhlen innerhalb der etwa 60.000 Hektar umfassenden Region wurden, wie schon erwähnt, von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt und zählen mit zu den interessantesten und schönsten Sehenswürdigkeiten Ungarns. Der Hotelinhaber fuhr uns morgens in Richtung des Nachbardorfs Jósvafö. Etwa auf halben Weg befindet sich der Eingang am „Roten See“ (Vörös-tó) zur Baradla-Höhle. Sie ist mit 25,5 km eine der längsten Tropfsteinhöhlen Europas. Mary, unsere Führerin, gab uns ca. 20 Personen zunächst einige allgemeine Hinweise. Zwei Stunden dauere die Führung und die Temperatur drinnen betrage 10° C, Luftfeuchtigkeit 95 – 98 %.

In eine wahre Wunderwelt bizarrer Formationen aus Kalkstein führten uns dann eine Treppe 271 Stufen hinunter zum Bett des Baches Styx. Er führt nur zur Schneeschmelze im Frühjahr Wasser. Durch die Kalkausfällungen des tropfenden Wassers sind Sintergebilde (Sinter sind Ablagerungen), Tropfsteinsäulen, Stalaktiten, Stalagmiten, Sinterfahnen und Sinterabflüsse von verschiedenen Farben und Formen entstanden. Die rotbraune Farbe stammt von Eisenoxid und die neben den Lampen sichtbaren Moose und Algen sind grün. Die schwarze Farbe deutet auf Rußverschmutzung hin und stammt von den Fackeln der Besucher aus früheren Zeiten. In der Höhle sind auch viele umgefallene und verstümmelte Tropfsteingebilde zu sehen, denen man Phantasienamen gab. Einen Teil der Schäden haben die Besucher verursacht. Früher war es nämlich möglich, Tropfsteingebilde als Souvenir mitzunehmen.

Durch Wasserfärbung wurde festgestellt, dass in der Höhle drei voneinander unabhängige Niveaus existieren. Etwa einen Kilometer lang ist die so genannte „Kurze Unterhöhle“. Von dort aus fließt das Wasser durch das Schluckloch in zwei ca. 30 m tiefer liegende Unterhöhlen. Treppen führen hinter dem Schluckloch hin-unter in den Riesensaal (Óriások terme). Der Riesensaal ist 130 m lang, 27 m hoch und durchschnittlich 40 m breit. Archäologen haben hier Geschirrreste aus der Urzeit und sogar einen Fußabdruck eines Urmenschen gefunden. Während des Besuchs der großen Halle ging das Licht aus und die zahlreichen Scheinwerfer brachten dann abwechselnd an den Wänden und der Decke ein unterschiedliches Farbenspektakel zur Geltung. Gleichzeitig ertönte die Stimme des großen italienischen Startenors Luciano Pavarotti, u. a. „Ave Maria“.

Einen weitereren Höhepunkt bildete die Besichtigung des Observatoriums. 17 m führte eine Treppe hinauf zu diesem Tropfsteinturm. Das ca. 6-800.000 Jahre alte Gebilde ist der größte Stalagmit Ungarns mit einem Gewicht von etwa 800 t. Ein 130 m langer Stollen führt zum Ausgang der Höhle am Hotel Tengerszem außerhalb von Jósvafö. Wir aßen hier zu Mittag und wanderten danach über Wiesen, Felder und teilweise auch durch dichte Hecken acht Kilometer zurück nach Aggtelek. Eine kleine Gedenkstätte zu Ehren des hl. Franz von Assisi lud unterwegs zum Verweilen und zum Gebet ein. Am Abend genossen wir in unserem Hotel das „Wellnessangebot“ mit Sauna und Hallenbad.

9. Tag: Aggtelek → Kelemér

Wegsuche und sterbende Dörfer

Bei bedecktem Himmel, es blieb aber den ganzen Tag trocken, liefen wir zunächst zum Eingang der Baradlahöhle neben unserem Hotel in Aggtelek. Am Vortag hatten wir die Tropfsteinhöhle von Jósvafö aus besichtigt. Insgesamt gibt es sogar drei Höhleneingänge. Es herrschte reger Betrieb. Schulklassen warteten neugierig auf den Beginn ihrer Höhlenführung und auch die Informationsstände und -tafeln über die Höhle waren gut besucht. Wir marschierten deshalb bald durch den Ort hindurch weiter. Begleitet wurden wir, wie gewohnt, von dem heftigen Gebell der vielen Wachhunde aus den Vorgärten der Häuser. Zwei Kilometer folgten wir dann einer Teerstraße außerhalb des Dorfes, bevor uns ein großer Eichenwald aufnahm. Mitten im Wald tauchte schon bald darauf die slowakische Landesgrenze auf und längere Zeit führte der Weg an ihr entlang. Durch schwere Waldfahrzeuge war der Weg teilweise stark ausgefahren und verdichtet. Das Regenwasser konnte hier nicht ablaufen und die morastigen Streckenabschnitte waren manchmal nur mühsam zu begehen. Nach einer Stunde hörte der Wald auf und von einer Anhöhe aus bot sich ein herrlicher Anblick auf die umliegenden bewaldeten Täler und Bergrücken. Über lang gestreckte Bergwiesen mit ebenfalls teilweise schönen Ausblicken kamen wir weiter zügig voran.

Am Ortseingang von Zádorfalva wohnen Roma, und eine Gruppe von Männern war gerade dabei, Wegränder und Wiesen um die Häuser herum zu mähen. Bereitwillig überließen sie mir auf meine Nachfrage hin eine Sense und ich durfte ihnen kurzzeitig helfen. In einer Gaststätte in der Dorfmitte machten wir eine Mittagspause.

An einer eingezäunten Weide mit Rindern und Holzställen vorbei wanderten wir weiter auf Wiesen ein schmales Tal hinauf. Viele Heckenrosen mit Hagebutten und danach Wald lösten nach zwanzig Minuten die Wiesen ab. Trotz intensiver Suche in alle Himmelsrichtungen war hier das blaue Wanderzeichen nirgends zu finden. Eine ganze Stunde lang irrten wir umher. Das „richtige Näschen“ hatte, wie so oft, unser Wanderführer. Nachdem der Wald geradeaus durchquert war, zeigte sich am Waldrand wieder das blaue Zeichen. Traktorspuren führten über brachliegende Wiesen hinunter in das kleine Dorf Gömörszölös. Hier sagen sich im wahrsten Sinne des Wortes noch Fuchs und Hase gute Nacht.

Eine alte Frau trieb schimpfend mit einem Stock einen Hahn und zwei Hühner über die Ortsstraße. Sie sprach uns auf Ungarisch an und hätte sich wahrscheinlich gerne mit uns unterhalten, aber wir konnten uns mit ihr, da sie nur ungarisch sprach, nicht verständigen. Ein Hinweisschild am Ortsausgang des Dorfes informierte darüber, dass die EU mit finanziellen Mitteln versucht, sterbende Dörfer wiederzubeleben. Durch den Zuzug oder das Bleiben junger Menschen, denen natürlich eine berufliche Perspektive geboten werden muss, scheint man z. B. Gömörszölös wieder eine Zukunft zu geben. Drei Kilometer führten uns dann zu unserem Tagesziel, dem kleinen Ort Kelemér.

Zum Höhepunkt des Tages wurde für uns das köstliche Abendessen in der Privatpension Bagolvár Fogadó. Die Hausherrin kochte extra für uns ein typisch ungarisches scharfes Gericht aus Kartoffeln, Gulasch und Salat. An dieser Stelle möchten wir uns noch einmal bei ihr für das gute Abendessen bedanken. Mit den Umwegen bei der Wegsuche waren wir heute 26 km gelaufen.

10. Tag: Kelemér → Putnok

Ziel: Bükk-Gebirge

Ein Blick auf der Wanderkarte zeigte uns, dass wir an diesem sonnigen Tag rund 30 km auf sehr vielen Asphaltwegen hätten wandern müssen. Da kam der Vorschlag von unserem Wanderführer Wolfgang gerade Recht, dass wir die 10,7 km bis zum Ort Putnok mit dem Linienbus fahren sollten. Die Haltestelle war direkt vor unserer Pension. Ein weiteres Ehepaar wartete bereits auf den Bus, der pünktlich gegen 9.35 Uhr kam. In 20 Minuten hatten wir die hektische Stadt Putnok erreicht.

Erschienen in der Zeitschrift des Vereins Netzwerk Weitwandern e.V. Wege & Ziele 34 - April 2011

   

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