Rezensionen

Berlin - Moskau

Erstellt am Mittwoch, 17. Dezember 2003
Geschrieben von Dr. Lutz Heidemann

Eine Reise zu Fuß

Die Wanderung, der kühlere Begriff „Reise“ kennzeichnet das Unternehmen noch besser, fand 2001 statt. Wolfgang Büscher ging allein. Er startete an einem stillen Sommermorgen im noch schlafenden Berlin und kam bei Anbruch der Winterkälte in Moskau an. Das ist eine sehr lange Strecke und eine lange Zeit.

Büscher schildert, wie Wandern fast zu einer als Droge wird, wie sich Automatismen beim Dauerwandern einstellen. Der Bericht ist auch ein faszinierendes Beispiel, welche Anziehungskraft ein mit Mythos aufgeladenes Ziel umgibt. Der Vergleich mit den Pilgerwegen ist vielleicht unstatthaft, aber doch naheliegend.

Anfangs schildert Büscher Polen. Er wandert auf einer Strecke, die dem Europäischen Fernwanderweg E 11 entspricht, wo es auch. wie ich inzwischen weiß, markierte Wege gibt. Aber dazu kommen keine Bemerkungen, das ist nicht Büschers Thema. Er will Stimmungen festhalten. Polen kommt ihm wie ein einziger Baumarkt vor. „Ganz Polen möblierte, tapezierte, flieste, motorisierte sich neu“, es war auf „dem Weg nach Westen“, während Büscher nach Osten wollte. Es wird auf eindrückliche Weise an Vergangenes erinnert; es hat sehr viele Tote zwischen Berlin und Moskau gegeben.

Das Buch enthält reizvolle Naturschilderungen, berichtet aber auch von ganz handfesten Details: „...Eine andere Minsker Konstante war, einmal täglich eine der drei McDonalds-Filialen aufzusuchen, wegen der Toiletten. Es waren die besten der Stadt, saubere weiße Keramik, vergleichbar nur mit denen im Goethe-Institut, die sogar noch besser waren, schweres Material, verlässliche Armaturen, feste Papierhandtücher, Ich weiß nicht, was die wirksamere Botschaft war, die Bibliothek des Institutes oder seine Toilette.“ Fernwanderer werden auch seine besonderen Gefühle für seine Stiefel verstehen.

Das Buch enthält keine Karte, aber die aufgeführten Ortsnamen lassen die Route gut nachvollziehen. Ich hatte einen 1993 erschienen ADAC-Straßenatlas Osteuropa 1:750.000 zur Hand und stellte wieder einmal fest, wie die Schreibung der Ortsnamen changiert. Aber das ist eben auch ein Stück Erfahrung zu Osteuropa - oder präziser mit Blick auf Polen - zum östlichen Mitteleuropa.

Ich finde das Thema und die Resonanz auf das Buch bemerkenswert. Rußland ist plötzlich in unsere Nähe gerückt. Rußland war nicht nur das Schwerpunkt-Thema der letzten Buchmesse, nein Rußland ist vielfältig in unser Leben eingetreten. Auf den Straßen höre ich, wie Passanten sich auf Russisch unterhalten, ebenso beim Durchqueren eines Schulhofes, wo junge Burschen meinen, sie könne keiner verstehen. Wie sehr Russisch eine Verkehrssprache ist, waren meine eigenen Erfahrungen in den baltischen Staaten. Auf dieser Reise 2003 kam ich durch einen Ort, der behauptete, der geographische Mittelpunkt Europas zu sein. Das ist Auffassungssache. Solche Reisen, wie die von Büscher und die Berichte davon, sollen Ängste nehmen. Weißrußland, wo wir sofort an den „bösen“ Lukaschenko denken, kommt bei ihm ganz gut weg. Seine hier in einer Buchbesprechung vielleicht sehr verkürzte Botschaft lautet: überall treffen wir auf Menschen. Es ist ein lesenswertes Buch!

Autor: Wolfgang Büscher
Taschenbuch: 240 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag, Reinbek
Sprache: Deutsch
ISBN: 978 3 49800 631 0
Größe: 18,8 x 11,6 cm
Preis: 9,99 € (D) 

 

 



Diesen Beitrag teilen



   

Anmeldung  

   

Wer ist online  

Aktuell sind 205 Gäste und keine Mitglieder online

   
© Netzwerk Weitwandern e.V.
Verstanden

Diese Seite verwendet Cookies.

Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Inhalte und Dienste. Durch die Nutzung unserer Webseite erklärst Du Dich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen.

Erfahre mehr...