Rezensionen

Bericht über einen Mann, der diese Strecke zweimal bewältigt hat und danach immer noch weiter wandert

Als junger Mann war Gerd Gellißen vom Niederrhein, wo er aufwuchs, mit einem Freund bis Santiago geradelt – genauer: er hatte sich bis dorthin mit einem alten Fahrrad, das schon kurz vor Santiago nur noch Schrott war, abgestrampelt. Zu der Zeit war der Jakobsweg noch kein „Renner“. Später hatte Gellißen „per pedes“ einzelne Etappen des Jakobsweges bewältigt. Noch später - und inzwischen emeritierter Professor für Biochemie, begab er sich erneut auf die Wanderung, diesmal allein und in einem Zug von Köln bis Santiago, wie es die mittelalterlichen Pilger nicht anders konnten. Diese zweite Gesamtleistung fand vom 12. April bis zum 13. Juli 2011 statt und geschah zeitlich nach – und vielleicht sogar trotz Hape Kerkeling, dessen Buch 2006 herauskam und der 2001 den Weg begangen hatte, aber nur das letzte Stück ab den Pyrenäen.

Das Buch von Gellißen ist weit mehr als ein gewöhnlicher Reise- oder Wanderführer. Es existiert in verschiedenen Ausgaben, eher schlicht bei Amazon als Book on demand, kein „Hardcover“, nur broschiert; aber weist ein schönes Außenbild auf, doch innen gibt es nur schwarz-weiß- Abbildungen, dann gibt es eine Farbfassung und es ist auch als E-book erhältlich, auch da sämtliche Abbildungen in Farbe. Die preiswertere S/W Ausgabe ist auch bei Frau Steger erhältlich. Der lebhafte Bericht von Gellißen vermittelt einen guten Eindruck, wie es auf dieser langen Wanderung so zugeht - oder zugehen kann. Bei jeder Etappe ist angegeben, wie lang sie war und auch, wieviel Kilometer seit Köln bewältigt wurden. Man wird von den Schilderungen mitgezogen. Gellißen hatte Tagebuch geführt. Das erklärt die detailreichen lebhaften Beschreibungen der einzelnen Etappen, z.B. über die Art der Quartiere oder über Bäume und Blumen am Weg.

Einen hohen Reiz haben kurze Schlaglichter auf einzelne Menschen, denen Gellißen begegnet ist, helfenden Menschen unterwegs oder Begleiter und Begleiterinnen zwischendurch und manche sind auch zusammen mit ihm am Zielort angekommen. Er erwähnt schwierige Details, etwa das Gedrängel vor dem berühmten Figurenportal der Klosterkirche von Moissac. Am Schluss folgt ein Glossar, da spürt man den Hochschullehrer, und er führt auch die benutzte Literatur auf. Sein Interesse an Baugeschichte und allgemeiner Geschichte durchzieht das ganze Buch. So kann das Buch auch für Menschen, die wie ich nicht den Weg gegangen sind, aber z.B. in Südfrankreich in Conques und seiner Umgebung viele Tage wanderten, durchaus lesenswert sein. Er erwähnt z.B. wann die burgundische Stadt Langres an die französische Krone gelangte und dass dort der Aufklärer Diderot geboren wurde. Zu heiligen Bischöfen und ihren Kirchen am Weg werden fast immer ein paar Bemerkungen gemacht.

Angeregt durch Gellißen kann man den Jakobsweg auch in einem größeren Rahmen sehen: Bei einem Vortrag, dem ich mit Freunden beiwohnte, erwähnte Gellißen die historischen politischen Interessen des spanischen Jakobsweges. Von diesem ost-westlich in Nordspanien verlaufenden Weg ging im 15. Jahrhundert die „Reconquista“, die Rückeroberung des von den „Mauren“, den islamischen Nordafrikanern eroberten und friedvoll verwalteten Teiles der iberischen Halbinsel aus. Wer im Spätmittelalter bis Santiago wanderte, nahm mehr oder minder deutlich oder undeutlich für das „christliche Abendland“ Partei. Der mittelalterliche ost-südwestlich durch Frankreich verlaufende Jakobsweg war neben Jerusalem und Rom das bedeutendste Pilgerziel der Christenheit. Von Mitteleuropa aus gesehen waren im Süden liegenden Zielorte Jerusalem mit den Grab Jesu oder Rom mit den Gräbern von Petrus und Paulus, was religiöse Attraktivität anging, bedeutender. Allerdings befand sich Jerusalem seit dem 8. Jahrhundert in der Hand von Muslimen. Rom konnte immer besucht werden und in Nord-Süd-Richtung verliefen historische Fernstraßen wie die Via Imperii und heute attraktive Alpenwanderwege und viele innerdeutsche Wege und „Steige“. Als Pilger- und Wanderweg hat z.B. die nord-süd verlaufende Via Francigena von England nach Rom (siehe Wege und Ziele 25 vom April 2008) wieder eine gewisse Bedeutung erlangt. Dagegen war das ferne Ziel in Spanien, nahe der „Finis Terrae“, vielleicht auch wegen der schwierigen und oft öden Abschnitte am Ende geeigneter für Buße, was ja oft der Antrieb für eine derartige Wallfahrt war.

Mittlerweile gibt es über ganz Deutschland ein dichtes Netz von Pilgerwegen. Nicht alle beziehen sich auf Santiago, es gibt z.B. auch einen Bonifatiusweg bzw. Bonifatius-Route und seit kurzem den „Lutherweg 1521“ von Eisenach nach Worms. Zu dem Deutschland-Netz gehört auch der Elisabethpfad von Eisenach über Marburg nach Köln. Informationen über viele dieser Wege findet man bei deutsche-jakobswege.de.Dahinter stehen Personen und Institutionen; es hat sich ein dichtes Netzwerk eigener Art gebildet. Gellißen ist z.B. auch der 1. Vorsitzende der Jakobusbruderschaft in Düsseldorf. Informationen über diese seit 1979 existierende Vereinigung mit heute gegen 600 Mitgliedern, die auch Schwester-Vereine z.B. in Aachen, Köln, Trier, Kalkar und anderen deut-schen Städten hat, findet man unter: jakobusbruderschaft.de Der Geschäftsführer der Sankt-Jakobusbruderschaft Düsseldorf e.V. ist zu erreichen über die Adresse: Lützowstr. 245, 42653 Solingen bzw. über Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! . Auch praktische Hilfe z.B. bei der Unterhaltung einiger Pilgerherbergen auf dem Jakobsweg wird geleistet.

Die Düsseldorfer Vereinigung gibt jährlich die Zeitschrift „Die Kalebasse“ heraus: Die Ausgabe von 2016 enthält u.a. folgende Abhandlungen: Horst Degen, Der Ökumenische Pilgerweg im Überblick, S. 3-8; Interview mit Esther Zeiher, der Initiatorin des Ökumenischen Pilgerweges, S. 9-12 und von Gerd Gellißen: Von Görlitz nach Eisenach – Tagebuch einer Wanderung, S. 13-51.

Gerd Gellißen selbst will sich jetzt auf noch weiter östlich liegende Jakobswege begeben. Lemberg und Krakau und baltische Städte wie Reval (heute Tallin) oder Riga waren ja auch Stationen oder Ausgangsorte für eine Wallfahrt nach Spanien. Heute durchquert man dabei protestantisch geprägte Gebiete. Aber evangelische Christen haben die Qualitäten des Pilgerns oder Langstreckenwandern auch erkannt und so gibt es in Deutschland ökumenische Pilgerwege z.B. die Via Regia, die von Görlitz über Leipzig und Erfurt nach Eisenach und Vacha führt. Informationen zu diesem Weg, den Gellißen in letzten Jahren ebenfalls begangen hat, finden sich unter: www.oekumenischer-pilgerweg.de/.

Foto:Eckart Kuke

Autor: Gerd Gellißen
Taschenbuch: 438 Seiten
Verlag: Eigenverlag
ISBN: 9781481114073
Druck: Charleston (USA)

Preis:
ca. 27,00 € (D)
Bezug über Amazon oder über http://www.beate-steger.de/shop/



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