Romane als Reiseführer?

Literatur
Erstellt am Freitag, 08. April 2011
Geschrieben von Dr. Lutz Heidemann

Müller, Herta:
Die Nacht ist aus Tinte gemacht
Konzeption & Regie: Thomas Böhm und Klaus Sander, supposé Verlag Berlin, 2009, zwei CDs, 115 min.

Mit Herta Müller, Jahrgang 1953, kommt eine Person aus der katholischen kleinbäuerlichen Welt des Banates zu Wort. Wir kannten dieses Hörbuch schon vor der Nobelpreisverleihung. Herta Müller schreibt mit Empathie von Gegenständen und Situationen auf ihrem Lebensweg. Sie schildert darin sehr präzise den engen Rahmen ihres Heimatdorfes. Anrührend sind ihre Erinnerungen an die ersten Konfrontationen mit der fremden Sprache Rumänisch. Dabei war schon Hochdeutsch für das „schwäbisch“ sprechende Dorfkind ein fremdes Medium.

Wichtig ist auch, dass mit den Schilderungen von Herta Müller Gewalt, Bosheit und Verfolgungen durch den „Sozialismus“ und die vielen schlimmen Alltagsbanalitäten, die damals über Rumänien lagen, nicht so leicht vergessen werden können.

Stephani, Claus:
Blumenkind
SchirmerGraf Verlag, München 2009
ISBN 978-3-86555-067-5

Der 1938 in Kronstadt/ Braşov geborene Autor emigrierte 1990 in die Bundesrepublik. Er erzählt mit sparsam eindringlichen Worten; man spürt an Details, z.B. den anrührenden eingeflochtenen jiddischen Wendungen, den Volkskundler. Als die Geschichte beginnt, gehörte die ganze Bukowina zu Rumänien. Die junge schöne rothaarige Beila, Tochter des Hermann Salomon Wagner aus Hliboka bei Sutschawa (so schreibt es Stephani phonetisch; man kann dann den Ortsnamen rückübersetzen in die heutige rumänische Schreibweise Suceava) ist noch keine 20 Jahre alt, als 1925 ihr Mann, der Wanderhändler Jacob Aaron Altmann, in der Nähe von Focşani von rumänischen Nationalisten erschlagen wird. Beila entzieht sich in ihrem Dorf den Nachstellungen von „Freiern“ und den Bekehrungsversuchen des orthodoxen Geistlichen durch Wegzug zu Verwandten ihres Mannes nach Klinitz in der Umgebung von Czernowitz, heute heißt der Ort Hlynicja. Der Fluß Seret wird genannt, der Tscheremousch durchwatet.

Für mich waren das anrührende vertraute Namen, denn im Jahr 2007 waren wir als Gruppe in ähnlicher Zusammensetzung in diesem jetzt zur Ukraine gehörenden Teil der Karpaten gewandert, wenige Kilometer entfernt von diesem Schauplatz. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es in den Dörfern um Czernowitz größere jüdische Gruppen.

Die junge Witwe wird von einer jüdischen Familie, deren Kinder schon aus dem Haus sind, aufgenommen; sie arbeitet kräftig im Haus und auf dem Feld mit. Aber sie hat auch „weibliche Gefühle“. Von einem jungen Mann aus der Nachbarschaft, Sohn des deutschen Apothekers, bekommt sie ein Kind, ein „Blumenkind“, wie das poetisch-verharmlosend heißt. Beila nennt es Maria. Der Kindsvater, besonders dessen Mutter, schließen den Gedanken an eine Heirat aus. Die dörfliche Umgebung könnte das verkraften, aber inzwischen ist der Sommer 1939 gekommen. Die Stimmung ist auch in diesem Teil Rumäniens Juden gegenüber nicht freundlich. Beila verlässt das Dorf und sucht eine neue Bleibe.

Beila gerät in den ganzen Strudel schlimmer Ereignisse. Sie ist da als alleinstehende Frau mit einem Kind besonders gefährdet. Es ist traurig, dass einzelne katholische Geistliche keine gute Rolle spielen. Der Autor lässt Beila und Maria in Orte geraten, durch die wir gerade gewandert sind, auch in das Wassertal bei Oberwischau / Vişeu de Sus.

Ich will die Geschichte nicht nacherzählen, sondern zum Lesen einladen. Nur soviel: Während der Flucht der deutschen Bevölkerung wird ihre Tochter Maria zu freundlichen fremden Menschen weitergereicht und landet in Westdeutschland. Sie fährt im Jahr 1965 zur Spurensuche zurück nach Rumänien. Auf diese Weise wird die Nachkriegsgeschichte beider Länder in die Erzählung eingewoben. Maria kommt auf einen verwilderten jüdischen Friedhof, es könnte der von Carlibaba gewesen sein, wo wir 2009 durchgewandert sind. Was dann noch alles folgt, will ich nicht verraten. Eine solche Geschichte kann nicht gut ausgehen.

Schlattner, Eginald:
Der geköpfte Hahn
Deutscher Taschenbuch Verlag,
ISBN 3-423-12882-8

Der 1933 geborene Autor hat in den Roman eigene und erdachte Erlebnisse aus der Perspektive eines Siebenbürger protestantischen Stadtkindes hineingepackt. Der Ort des Geschehens ist Fogarasch, die Stadt, in der er aufgewachsen ist, aber die Kulisse könnte auch Schäßburg sein, wo Schlattner für einige Jahre das Gymnasium besuchte. Er lebt jetzt auf einem Pfarrhof in Rothberg / Rosia bei Hermannstadt.

Schlattner breitet vor dem Leser mit vielen Rückblicken ein breites, farbiges Panorama der total verschwundenen „sächsischen“ bürgerlichen Welt aus. Die Handlung ist auf den Tag im August 1944 fokussiert, an dem Rumänien politisch und militärisch die Seite wechselte. Erzählt wird aus der Perspektive eines Jungen, z. B. von Freundschaften und Schülerlieben. Schlattner verschafft sehr unterschiedlichen Mitgliedern der verschiedenen ethnischen und sozialen Gruppen der rumänischen Gesellschaft der 1930-er Jahre farbige Auftritte. Der Vater, ein Kaufmann, kann mit allen Ortsbewohnern in den vier Landessprachen freundliche Nichtigkeiten austauschen. Es wird von Vorurteilen und Boshaftigkeiten gegenüber Juden erzählt und wenig später folgen Schilderungen von Großzügigkeiten und Hilfsbereitschaft. Es werden die Gespenster der k. und k. Zeit beschworen wie die surrealen Szenen bei der Hitler-Jugend und den deutschen nationalen Verbänden.

Wir sollten als Besucher von solchen Vergangenheiten und gegenseitigen Phobien wissen; alte Narben sind oft nicht verheilt. Schlattner ist aber auch ein bisschen zu selbstverliebt in seine Fabulier-Einfälle, und der Leser überwältigt von den Details. In zwei weiteren breiten Erzählungen hat Schlattner seine Chronik bis in die kommunistische Zeit fortgesetzt.



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