Auf historischen Pfaden über die Alpen

Erstellt am Mittwoch, 01. Dezember 2010
Geschrieben von Hartmut Wagner

 

In einer gemischten Gruppe von Innsbruck nach Meran – im Juli 2010

Treffpunkt 12 Uhr am Hauptbahnhof in Innsbruck – für Alfred aus Innsbruck, Martina, Abteilungsleiterin in der “Agentur für Arbeit” in Nürnberg, Elfriede, Verwaltungsleiterin in Waren/Müritz, Nisachon (Anne), Geschäftsführerin einer thailändischen Gaststätte in München, Sophie, Kindergärtnerin in Allschwill (Schweiz), Christoph, Musiklehrer in Hildesheim, Werner, Gasingenieur im Saarland, Gerhard, Architekt in Frankfurt/Main, Walther, Pensionär in Friedebach bei Sayda und meine Wenigkeit, Hartmut, Bürgermeister i. R. in Sayda im Erzgebirge.

Zunächst geht es mit dem Linienbus vorbei am “Berg Isel” und über die “Europabrücke” in Stubaital. Wir kommen im Stubaital an der Haltestelle “Grawa-Alm” an und unsere Wanderung beginnt. Sie führt entlang des Wilde-Wasser-Weges hinauf zur “Sulzenau Hütte”. Auf einer Wegelänge von nur sechs Kilometern sind 660 Höhenmeter zu bewältigen.

Der steile Weg nach oben geht an den “Grawa Wasserfällen” vorbei, die jetzt gerade außergewöhnlich viel Wasser führen. Dieses Tauwasser kommt von den starken Schneefällen, welche noch im Mai in den Alpen fielen. Deshalb steht auch die Alpenrose noch in voller Blüte, die mit ihrem leuchtenden Rot ganze Steilhänge bedeckt.

Unsere erste Rast machen wir in 1857 m Höhe auf einer Alm, jedoch nur kurz, denn es ziehen Gewitterwolken auf. Nach zwei Stunden Gehzeit fängt es an zu regnen und ein Erster aus unserer Gruppe „schwächelt“: Walther, mit dem ich 2004 in den Dolomiten unterwegs war, klagt über Schmerzen im Fuß. Glücklicher Weise ist aber nun die “Sulzenau Hütte” (2191 m) in Sicht.

2. Tag: In den Stubaier Alpen

Frühstück 7.30 Uhr, Walther klagt immer noch über Schmerzen im Fuß. Mit dem Hubschrauber geht es für ihn zurück (Diagnose Knochenentzündung, wie wir später erfahren).

Der „Rest“ der Gruppe startet über den “Stubaier Höhenweg” hinauf zum “Peiljoch” auf 2.676 m Höhe. Vor uns liegt eine Wegelänge von 9 Kilometer mit einem Aufstieg von 850 m und einem Abstieg von 650 m.

Herrlicher Blick über den “Sulzenauferner” und hinüber zur 3.474 m hoch gelegenen “Ruderhofspitze“.

An meinem Wanderrucksack flattert eine kleine Sachsenfahne mit dem Wappen der Stadt Sayda - und beim Aufstieg zur “Dresdner Hütte” treffen wir einen Vater mit seinem Sohn. Sie kommen aus Freiberg in Sachsen und kennen natürlich auch meine Heimatstadt Sayda - wie schön.

Die Mittagspause machen wir auf der “Dresdner Hütte” (2308 m), bevor es dann mit dem Lift zum Eisgrat in 2850 Meter Höhe geht und zur etwa 3 Kilometer langen Strecke über den “Schaufelferner Gletscher” vor. Doch zunächst geht hinauf zur “Jochdohle” (3200 m) der höchstgelegenen Skihütte Österreichs.

Die Masten der “Eisjochbahn” sind mit einem dicken Vlies abgedeckt. Dieser soll das Schmelzen des Eises etwas verzögern, damit die Gletscherbahn im Sommer länger betrieben werden kann.

Wieder fängt es an zu regnen, die Temperatur liegt bei gefühlten 2 Grad plus. Langsam wird uns allen hier auf 3.149 Höhenmetern die Luft etwas knapp. Der Abstieg geht über das “Bildstöckljoch” von 3.128 m hinunter zur “Hildesheimer Hütte” (2.890 m).

Etwas erschöpft - aber glücklich erreichen wir nach 8 Stunden Gehzeit die vor uns liegende Hütte und werden vom lustigen Hüttenwirt Gustl und seiner Familie freundlich empfangen.

3. Tag : Abstieg ins Ötztal

Wir verlassen die Gletscherwelt der “Stubaier Alpen” und steigen von der “Hildesheimer Hütte” 1.500 Meter auf dem “Aschenbrennerweg” hinunter ins romantische “Windbachtal” ab.

Es fängt an zu regnen, wir erreichen wieder die Wachstumsgrenze und wandern dann durch blühende Bergwiesen bis hin zur “Lochle Alm” (1.843 m), die wir zur Mittagspause erreichen. Unser Weg führt uns weiter über die “Brunnenbergalm” nach Sölden, der Tourismusmetropole inmitten einer großartigen Bergwelt.

Nach einer Wegelänge von 13 km und einer Gehzeit von 6 Stunden erreichen wir in Sölden die Pension “Fiegel”, wo wir den Komfort des Tales genießen, der uns nun nach zwei Hüttennächten geboten wird.

4. Tag : Am Ötztaler Panoramaweg

Mit einem Kleinbus geht es über die Mautstraße des Rettenbachtals hinauf zum “Tiefenbachgletscher” (2.739 m).

Wir wandern teilweise in und über den Wolken am “Panoramaweg”, der seinem Namen alle Ehre macht, ca. 10 km in Richtung Bergsteigerdorf Vent. Am “Weißkar” auf 2.656 m machen wir Rast an einem kleinen Bergsee und treffen dort mehrere Wandergruppen u. a. auch Schüler einer Klasse des Gymnasium Oberstdorf, welche ebenfalls die Alpen überqueren. Und weiter geht es bergab am Steilhang des Venter Tal. Die Sonne meint es gut mit uns, es wird immer wärmer, und wir machen Pause an der “Koner Rinne”. Wir genießen die Stille - keiner sagt ein Wort, wir lassen unsere Seele baumeln. Gegen 16 Uhr kommen wir in Vent an und beziehen unser Quartier im Hotel “Alt Vent”.

5. Tag : Zur Fundstelle des Ötzi

Abmarsch 8.30 Uhr bei hellem Sonnenschein. Aufstieg von Vent über den “Ötztaler Jungschützenweg” zur “Martin- Busch Hütte”.

An der “Schäferhütte” (2.230 m) staunen wir über das Leben eines Schäfers in dieser Höhe - er hat an seiner Hütte Schädelknochen von Gämsen und Schafen ausgestellt. Weiter geht es zur “Martin-Busch-Hütte“.

Nach der Mittagspause gehen wir weiter zur “Similaun-Hütte”, 3.019 m über NN und überschreiten die Grenze zwischen Österreich und Südtirol. Wir kommen am ehemaligen Zollhäusel vorbei und weiter geht es über die Ausläufer des “Similaun-Gletscher“ in Richtung “Hauslabjoch”.

Wegen des nassen Schnees gehen wir nicht zur Fundstelle des Ötzi, sondern gleich zur “Similaun-Hütte”. Nach einem Tagesmarsch über 15 Kilometer und einem Aufstieg von 1.450 Metern erreichen wir diese gegen 16 Uhr.

Martina ist überglücklich über ihre Überschreitung von einigen “Dreitausendern” und wir alle haben vom heutigen Tag noch nicht genug. Noch vor dem Abendbrot klettern wir auf eine Felsspitze, den so genannten “Jochköpfel“, wo wir von 3.143 m Höhe wenigsten hinüber zur Fundstelle des Ötzi schauen können.

6. Tag : Ins Südtiroler Schnalstal

Wie jeden Tag, 8.30 Uhr Abmarsch von der Hütte. Den Abstieg ins Südtiroler “Schnalstal” machen wir auf einem alten Passweg von 3.019 m Höhe auf 1.698 m, also 1.300 m und auf einer Wegelänge von nur 6 Kilometern.

Nach der hochalpinen Region erreichen wir wieder die Wachstumsgrenze und dann die kleine Ortschaft Vernagt, gelegen am “Lago di Vernago”, einem Stausee mit fantastisch blauem Wasser.

Nach 4-stündiger Gehzeit kommen wir in Vernagt an und unsere Alpenüberquerung ist beendet.

Ein Kleinbus bringt uns zur Mittagszeit ins sonnige Meran.

Hier bedanke ich mich in meiner Eigenschaft als “Bundeswanderwart des Erzgebirgsvereins e. V.” bei meinen Wanderfreunden, überreiche allen einen Flyer des Erzgebirgsvereins e. V. und natürlich die Wandernadel des EV e. V. Wir sitzen noch lange mit anderen Wanderfreunden zusammen. Das Dorf Tirol, hoch über Meran gelegen, leuchtet in der Abendsonne und alle sind ein wenig traurig, dass diese fantastische Wanderung zu Ende ist.

Wieder zu Hause lese ich bei der Zeitungsschau meiner Regionalzeitung “Freie Presse” einen Artikel vom 05.07.10: “Aussichtsplattform AlpspiX am Osterfeldkopf übergeben”. Im Artikel steht, dass man auf 2050 Metern Höhe und auf zwei Stahlarmen, die 13 Meter über den Abgrund ragen, einen Ausblick in fast 1.000 Meter Tiefe hat.

Kletterer protestierten gegen den Bau, indem sie unter der Aussichtsplattform ein Transparent angebracht haben mit der Aufschrift: “Unsere Berge brauchen keine Geschmacksverstärker”.

Ich stimme diesem Spruch unbedingt zu, denn unsere kleine Wandergruppe hat bei der Alpenüberquerung “Von Innsbruck nach Meran” mehrmals 1.000 Meter in die Tiefe geschaut - aber nicht von einer Aussichtsplattform, sondern stehenden Fußes, auf einem schmalen Gebirgspfad.

“Nur wo du zu Fuß warst, warst du wirklich.“

Erschienen in der Zeitschrift des Vereins Netzwerk Weitwandern e.V. Wege & Ziele 33 - Dezember 2010



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