Eine Alpenüberquerung auf „Via Alpina“

Erstellt am Freitag, 01. April 2005
Geschrieben von Hans Diem

Auf dem Roten Weg der Via Alpina ging Hans Diem aus Garmisch-Partenkirchen im Sommer 2002 von Monaco am Mittelmeer durch alle acht Alpenstaaten nach Triest am Mittelmeer in 96 Tagen zu Fuß und mit Zeltausrüstung auf 2180 km Wegen mit 121.000 m Aufstieg, 28 Tage in Begleitung von Evelyn Gebhardt.

Die Via Alpina bleibt unter 3000 m Höhe, geht nirgendwo über Gletscher, verläuft auf Fahrwegen, Wegen und Bergwegen mit nur wenigen kurzen und etwas anspruchsvollen Stellen in Steilgelände mit Tiefblick, meist Seil versichert.

Monaco, 19. Juni 2002, 15 Uhr: Eine gigantische Stadt hat sich hier an der Mittelmeerküste breit gemacht, Rucksack und Bergstiefel passen absolut nicht ins Stadtbild. Vom Bahnhof Monte Carlo steigen wir auf zum Place du Palais, dem Platz vor dem Fürstenschloss, dem Ziel der Via Alpina. Doch wir beginnen lieber hier am südlichen Ende, die Bergwege sind eher schneefrei, noch sprudeln Quellbäche, noch blüht und duftet es mehr als sonst wo, ab dem Hochsommer aber wird es hier zunehmend trocken und dürr.

In den Südalpen auf Via Alpina von Monaco nach Chamonix am Mont Blanc.

Bei hochsommerlicher Hitze steigen wir ab 17 Uhr durch Monte Carlo hinauf Richtung Norden, schauen und staunen über eine dichte Stadt mit vielen Hochhäusern hinweg zur Mittelmeerküste im milden Licht der Abendsonne. Von einer Bergkuppe der grünen Hügelkette leuchtet nachts ein friedliches Lichtermeer herauf. In der Hügellandschaft mit Buschwald und alten Dörfern schlaucht uns die Hitze, zu selten sind Brunnen mit Trinkwasser. Wegen der Hitzewelle und dem Wassermangel lassen wir die Wegschleife durch die Ligurischen Alpen aus und gehen ab Sospel direkt zu den Dreitausendern der Meeralpen. Kalte Quellen mit Trinkwasser und Bergseen für erfrischendes Baden sind an unserem Weg durch die fantastische Berglandschaft am Mont Bego, dem Götterberg, bis hin zum mächtigen Argentera-Massiv. Mal stapfen wir durch Steilschotter mit Schneeresten, Mal bummeln wir durch Buschwald mit blühendem Goldregen und bewundern schönste Blumenwiesen in den Cottischen Alpen. Im Dorf Maljasset sehen wir das erste Plakat von „Via Alpina“, also sind wir hier richtig. In Briancon muß sich Evelyn verabschieden, ihr Urlaub ist zu Ende.

Alleine gehe ich weiter, in den Dauphiné Alpen auf Höhenwegen über Bergdörfer mit Blick auf die hohen Gipfel der Pelvoux Gruppe, am Mont Thabor vorbei nach Modane. Unter den Gletschern der Vanoise führt mich der Weg von Hütte zu Hütte durch die Grajischen Alpen auf den Mont Blanc zu. Ich freue mich auf jede der kleinen einfachen Berghütten. Für die Wirte und die wenigen Gäste bin ich mit meinem großen Rucksack auf großer Tour und besonders herzlich willkommen. Man weiß von Via Alpina und freut sich über den ersten Begeher dieser Route. Der moderne Skizirkus bei Lac de Tignes ist ein heftiger Kontrast zu den alten verfallenden Almdörfern am Rutormassiv, am Weg ins Aostatal. In den Walliser Alpen denke ich auf dem gut erhaltenen Saumpfad über den Großen S. Bernhard an den Betrieb im Mittelalter hier. Die Mont Blanc Gruppe hüllt sich in Regen und Nebel, habe leider keinen Ausblick von den Höhenwegen über den Col de Balme nach Planpraz. Also schwebe ich mit der Seilbahn hinab nach Chamonix, um besseres Wetter abzuwarten.

16 Bergkarten im M:1:50 000, ca. 758 km Wegstrecke, ca. 558 km gegangen in 29 Tagen, mit 200 Stunden Gehzeit, mit 37 000 Hm Aufstieg, 38 Mal über 2000 m bis 3045 m Höhe am Mont Clapier (Abstecher).

In den Westalpen auf Via Alpina von Chamonix nach Liechtenstein

Nach einer sternenklaren Nacht ist schönstes Wetter, die erste Seilbahnfahrt bringt mich von Chamonix wieder hinauf nach Planpraz. Begeistert stürme ich auf den Gipfel Le Brevent 2524 m und schaue überaus erfreut auf das mächtige Bergmassiv mit dem Mont Blanc. Der höchste Berg der Alpen, seine Hohheit der Monarch ist flankiert von namhaften Trabanten, ist eingehüllt in einen spaltenreich züngelnden Gletscherumhang, thront breitmächtig und alles überragend mir gegenüber im strahlenden Sonnenschein. So ein Glück muß man haben!

Endlich weiter in den Chablais Alpen, schön in Weideland über den Col d’Anterne, in Wäldern und Wiesen hinab nach Samoens. Auf dem Col de Coux erfüllt mich bei schöner Abendstimmung die große Dankbarkeit, ich strecke die Arme zum Himmel: Ich kann und darf meine langen Bergwege gehen Tag für Tag, Jahr für Jahr. Über ein wunderbares Hochtal am Mont Ruan geht es nach Martigny im Rhônetal. Nach dem Aufstieg in die Diablerets Gruppe öffnet sich der Blick auf ein Riesenpanorama mit Viertausendern hoch über dem Rhônetal. Auf Höhenwegen bummle ich in Weideland am Gran Muveran entlang, gehe unter der Felsflucht des Les Diablerets in Almgebiet nach Derborence. Im Aufstieg zum Hochtal Mié ist eine Steilstufe mit Leitern und Drahtseilen zu bewältigen, oberhalb öffnet sich ein wunderschönes Hochtal, anschließend geht es über einen Gletscherschliff zum Col du Sanetsch und hinab nach Gsteig.

Auf der Nordseite der Berner Alpen laden bekannte Feriendörfer im schönen Bauernland zur Einkehr ein, dann locken wieder Felsberge mit richtigen Bergwegen hinüber zum Gemmipass, verwegen steil ist der Abstieg nach Leukerbad. Mein Abstecher zum Torrenthorn lohnt sich wegen dem Rundblick, dann aber flott weiter auf einem aussichtsreichen Höhenweg über dem Rhônetal. Da oben erkundigt sich ein alter Almbauer nach meiner Tour. Das gefällt ihm, er war jeden Sommer auf seiner Alm und hat immer bis zu 40 kg rauf und runter getragen, in meinem 20 kg schweren Rucksack sieht er kein Problem. Sage ihm, mein Rucksack ist mir Vergnügen, aber viele Leute bedauern mich sehr, andere fragen nach und sind begeistert von meiner Tour auf der „Via Alpina“.

Nach Blatten führt mein Weg einige Stunden lang auf einem Höhenrücken mit fantastischem Ausblick auf den Aletschgletscher, den längsten Eisstrom der Alpen. Nach dem Hochtal Goms beginnen die anspruchsvollen Tessiner Alpen und Adula Alpen mit dem Saumpfad über den Griespass ins Val Formazza. Bis Mesocco folge ich dem Weg „Trekking 700“, alpin ist die Route am Gletscherberg Basòdino entlang nach San Carlo, nun geht es teils sehr steil bergauf zu den Scharten, ebenso steil hinab zu den Dörfern. Auf Almwegen ziehe ich in den Albula Alpen erst durch ein zauberhaftes Hochtal, steige dann auf einem historischen Saumpfad zum Splügensee auf, weiter in Weideland vom Walserdorf Juf und über altbekannte Übergänge nach Maloja.

Die Bernina Alpen beginnen mit Schneeregen auf dem Murettopass, zum Glück bei Sonnenschein weiter im herrlichen Almland bis Poschiavo. Von Tirano hinauf in die Livigno Alpen, hier wird in den Almdörfern gerade das Bergfest gefeiert. Schwierig ist der Abstieg vom Passo di Vermolera 2732 m mit Steilschotter. Mit einem Almparadies beginnen die Ortler Alpen, fantastisch ist die Aussicht von der Dreisprachen-Spitze auf König Ortler und seine Umgebung. Nach der Sesvenna Gruppe quere ich das Engadin und komme über den Futschölpass 2768 m in das Gebiet der Silvretta mit drei großen Hütten. In Schotter, Fels und Schnee steige ich über die schwierige Getschner Scharte 2839 m und über drei weitere Joche nach Gargellen. In der wunderbaren Südflanke des Rätikon lacht mir die Sonne, ich blicke auf das kleine Liechtenstein, steige über den Felsgipfel Drei Schwestern hinab nach Frastanz. Auf der Nordseite des Alpen-Hauptkammes stehen große Berggasthäuser und es sind viele Bergwanderer unterwegs.

21 Bergkarten im M:1:50 000, ca. 832 km Wegstrecke, ca. 710 km Wegstrecke gegangen in 36 Tagen, mit 247 Stunden Gehzeit, mit 37 000 Hm Aufstieg, 54 Mal über 2000 m bis 3257 m Höhe an Haute Cime in den Dents du Midi (Abstecher).

In den Ostalpen auf Via Alpina vom Bregenzer Wald nach Triest

Vom Bregenzer Wald führt mich die Etappenliste der Via Alpina in das Große Walsertal und über den Schadonapass auf die Allgäuer Alpen zu. Über den Gemstelpass komme ich nach Deutschland und steige mit Blick auf die Mädelegabel hinab nach Oberstdorf. Meine Freude ist groß, bin ich doch am Nordrand der Alpen angekommen an einem Sonntag mit Sonnenschein. Da gönne ich mir eine gemütliche Rast in einem Biergarten. Am Abend muß ich dafür auf dem Weg über das Himmeleck ein teuflisches Gewitter mit Platzregen aushalten. Die Route in den Lechtaler Alpen verläuft meist auf Talwegen, dann aber wird es felsig und schottrig in der Mieminger Kette und im mächtigen Wetterstein Gebirge. Der Aufstieg zur schön gelegenen Meilerhütte wird wieder Mal von einem Gewitter begleitet, dafür kann ich im Karwendel Gebirge auf einer alpinen Variante über die Breitgrießkar Scharte zum Karwendel Haus gehen. Weiter über Almböden mit Ahornbäumen unter senkrechten Felsflanken, dann der Abstieg ins Inntal.

Auf den Stadtbummel in Schwaz folgt der Weg durch die Tuxer Alpen über Almen und Grasberge, hier sind die Hütten wieder klein und gemütlich. Die Talstrecke bis zum Aufstieg in die Zillertaler Alpen fährt mich ein Bus. Nach dem Steilaufstieg zur Glieder Scharte nehme ich wieder eine alpine Variante an, den Pfunderer Höhenweg mit dem schwierigen Gaisschartl 2720 m, quere dann unter mächtigen Gletscherbergen zum Ahrntal. Die Rieserferner Gruppe wird in 2791 m Höhe überschritten, es folgen die Villgratner Berge mit Wald und Almwiesen.

Die Dolomiten verstecken sich in einer dichten Wolkendecke. Vom Pragser Wildsee steige ich auf zu den drei Zinnen. Wie ich ankomme, heben sich die Wolken und der Blick auf die senkrechten Nordwände wird frei, gewaltig! In der Hütte spricht mich ein französisches Paar an, das seit 81 Tagen auf dem Weg von Nizza nach Wien ist. Und ich bin seit 82 Tagen unterwegs von Monaco, der Jubel ist groß! Der Karnische Hauptkamm wird in voller Länge überschritten, ein Höhenweg mit Hütten, mit Gipfeln bis 2578 m und mit Seen, mit wunderbaren Ausblicken nach Süden und Norden. Vom Dreiländereck schaue ich nach Slowenien hinein und freue mich auf dieses kleine Bergland mit den vielen gastlichen Hütten.

An meinem Weg durch die Julischen Alpen steht imposant der Jalovec, der schönste Berg Sloweniens. In Trenta meldet der Wetterbericht einen Wetterwechsel mit Schnee, also gehe ich ohne den Gipfel des Triglav, mit 2864 m der höchste Berg Sloweniens, weiter durch das bekannte Tal der „Sieben Seen“ mit vielen endemischen Pflanzen zum langen Kamm mit dem Gipfel Rodica 1966 m. Nach dem letzten Felsgrat mit einem ausgesetzten Steig überfällt mich der Wintereinbruch mit Kälte und Regen, Glück gehabt. Der Hüttenwirt auf dem Crna prst 1835 m, dem vorletzten Gipfel des Kammes, macht für mich die letzte Gulaschsuppe der Saison und sperrt dann hinter mir die Hütte ab. Über die folgenden Grasberge und die Buckel im Karst komme ich auch bei Schlechtwetter. Auf dem letzten Berg, dem Plesa 1262 m ist für eine Stunde blauer Himmel, ich sehe das Mittelmeer, die Küste und Triest. Die Arme zum Himmel, ich bin am Ziel, ich bin gut angekommen! Noch 35 km Weg in waldreichem Hügelland und ich bin in der Hafenstadt Triest, dem eigentlichen Beginn der Via Alpina.

16 Bergkarten im M:1:50 000, ca. 624 km Wegstrecke, ca. 459 km Wegstrecke gegangen in 31 Tagen, mit 212 Stunden Gehzeit, mit 36 000 Hm Aufstieg, 41 Mal über 2000 m bis 2791 m Höhe in der Rieserferner Gruppe.

Ein Nachtzug bringt mich nach Hause. Für die Organisation von Via Alpina schreibe ich einen Bericht von 20 Seiten und lasse meine schönsten Fotos auf CD kopieren. Das löst dort eine Riesen Begeisterung aus, Text und Fotos gehen an alle acht Alpenländer.

 

Erschienen in der Zeitschrift des Vereins Netzwerk Weitwandern e.V. Wege & Ziele 16 - April 2005

 

Weiterführende Informationen: Der Rote Weg der Via Alpina im Wiki



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