Zu Fuß von Wien nach Nizza - non stop

Erstellt am Sonntag, 29. Januar 2012
Geschrieben von Alwin Müller

Vom Stephansdom in Wien bis zur Kirche Notre Dame in Nizza - alles per pedes, obwohl ich dutzende Male die Gelegenheit hatte, ein Stück mit dem Auto mitgenommen zu werden. Die Kilometer kann ich nur schätzen: ca 2.000. Die Meter Höhendifferenz habe ich gemessen: fast exakt 100.000. 76 Wandertage waren es, 4 Ruhetage, 1 Zwangsruhetag, weil ein Paß von 2.500 Metern Höhe bei Regen und dichten Wolken zu gefährlich ist.

Es war die Tour der Kontraste: Hier einsame Höhen, bei denen mir oft den ganzen Tag kein Mensch begegnet ist, da hektische Städte mit Trubel und Lärm. Herrliche Wanderwege wechselten mit häßlichem Asphalt. Wiesen und Wegesränder voller Blumen wie Arnika, Knabenkraut, Alpenrosen, Türkenbund und tausend anderen wechselten mit kargen, trostlosen Gesteinswüsten. Hier konnte ich die liebliche Fauna, mit Gämsen, Murmeltieren, Insekten und vielen anderen, beobachten und belauschen, da war ich dem gefährlichen Straßenverkehr mit seinen Abgasen ausgesetzt. Hier bequeme, ebene Wege, da gefahrvolle hochalpine Steige. Unwetter wechselten mit herrlichem Sonnenschein. Geschwitzt habe ich bei 37° und im Bivacco auf 2.360 m Höhe gefroren. Die Palette der Übernachtungen reichte vom Biwak im Freien über Hütten, Etappenunterkünfte und Pensionen bis zum 4-Sterne-Hotel. Die spartanisch einfache Übernachtung im Biwak in einsamer Höhe und unglaublicher Stille ist der absolute Kontrast zum komfortablen Hotelbett inmitten der lärmenden Stadt.

4½ Stunden Asphalt vom Stephansdom bis Perchtoldsdorf verursachten gleich zu Beginn Blasen, die mich lange quälten. Besonders die Blase unter der Hornhaut der linken Ferse. Aber Dank Compeed-Pflaster konnte ich weitergehen und alles verheilte. Ich glaubte schon, nun blasenresistent zu sein. Doch bei 30° Hitze und viel Asphalttreten im Valtellina wiederholte sich dasselbe Drama.

Alleine ging ich und - um Gewicht zu sparen - ohne Handy - natürlich ein Risiko. Angst war oft mein Begleiter. Angst vorm Gewitter; 3 Unwetter bzw. deren Folgen habe ich erlebt. Angst vor einem Unfall. Es darf einfach nichts passieren, redete ich mir ein, besonders wenn ich mich verlaufen hatte. Da findet mich lange Zeit kein Mensch, war mir klar. Dennoch bin ich gestolpert, umgeknickt, ausgerutscht, hingefallen, auf Wegen, die manchmal keine waren. Einmal schlug ich mit dem linken Oberschenkelhals auf. Das war die kritischste Situation. Aber, Gott sei Dank, außer einer Prellung war nichts passiert.

Trotz Kniebeschwerden aufgrund meiner Arthrose, vor allem in den letzten Wochen, mußte ich weitergehen. Streck- und Lockerungsübungen mit den Beinen standen daher mehrfach täglich auf dem Programm. 2 Zehen des rechten Fußes wurden schon nach wenigen Wochen pelzig - und blieben es noch bis lange nach Ende der Tour. Manchmal brannten mir in der Hitze regelrecht die Fußsohlen. Rückenbeschwerden und Durchblutungsstörungen in den Armen und Händen durchs Rucksacktragen waren mein ständiger Begleiter.

Es war eine Strapaze. Im Schnitt knapp 8 Stunden pro Tag reine Gehzeit und rd. 1.300 Meter Höhendifferenz sagt meine Statistik aus. Aber hinzu kommt, daß ich schnell gehen mußte, um mein Ziel Nizza zu erreichen. Die Zeit war knapp. Schon Ende August beginnt in Piemont der Herbst mit Nebel, bei dem man sich auf den Hochalmen sehr leicht verirren kann. Da ich oft mit Gewitter am Nachmittag rechnen mußte, war ich fast ständig in Eile. Das Mittagessen fiel meistens aus. Oft habe ich nur im Gehen etwas aus dem Rucksack geknabbert. Aber da ich, besonders in den letzten Wochen, einen unglaublichen Appetit bekam, mußte abends alles nachgeholt werden. Einmal aß ich allein als Nachtisch 4 Stücke Torte. Das liegt schwer im Magen. Das Gegenmittel war Rotwein. Der floß, manchmal bis zu einem Liter. Und am nächsten Morgen weiter....

Auch das muß ich ansprechen: Die „Rotweintherapie“ ist nicht unbedingt nachahmenswert. Mein Alkoholkonsum hatte eine Abhängigkeit erzeugt, von der wieder loszukommen, ich einige Zeit brauchte. Außerdem hat der Alkohol die Kniebeschwerden ja nur verstärkt. Aber ich fand kein besseres Rezept.

Nicht zu unterschätzen war die psychische Belastung, auch hier wieder besonders in den letzten Wochen. Da hatte ich nur noch ein Ziel: so schnell wie möglich nach Nizza und damit nach Hause zu kommen. Die Zeit war einfach zu lang geworden. Aber zu meinem fast ständigen Alleinsein beim Wandern kam in Piemont hinzu, daß ich mich bei meinen geringen Italienischkenntnissen auch abends kaum unterhalten konnte, da es nur wenige deutsche Touristen gibt.

Anfangs war ich zweimal erkältet. Man muß bedenken, daß meine Kleidung oft den ganzen Tag klitschnaß geschwitzt war und ich vor allem in größeren Höhen in kaltem Wind gefroren habe. Aber diese Erkältungen hatte ich leicht überwunden. Und später - keinerlei Probleme mehr! Oft freute ich mich den ganzen Tag lang auf ein kühles Bier nach Erreichen der Unterkunft. Wenn ich zurückdenke, daß ich manchmal, weil der Durst so groß war, mir als erstes in den nassen Klamotten in der oft recht kühlen Bar ein oder zwei Bier genehmigte ohne eine Spur von Erkältung, dann kann ich nur sagen, wie sehr die tägliche Bewegung in der frischen Bergluft abhärtet.

Gewicht sparen war ein wichtiges Gebot. Daher hatte ich alles abgewogen. Selbst am Brillenetui hatte ich durch den Kauf eines leichteren Gewicht gespart. Die Wanderkarten hatte ich ausgeschnitten. So kam mein Rucksack ohne Essen und Trinken auf knapp 10 kg, wobei allein die Apotheke fast ein halbes Kilogramm wog. An Ersatzwäsche (Unterwäsche, Oberhemd, Socken) hatte ich nur 2 Paar dabei. Da mußte ich natürlich auch des öfteren waschen. Auch am Körper habe ich im Laufe der Zeit an Gewicht gespart. 64 kg wog ich bei meiner Rückkehr - 10 kg leichter als zu Beginn.

Auch Kritik muß geübt werden dürfen: Über schlechte und auch völlig fehlende Markierung ärgerte ich mich öfters, besonders auf Wegen, die wenig begangen werden. Hütten, die eigentlich keine sind, sondern Ausflugslokale: Die halbe Nacht Dirndlball in der Hütte auf dem Hohen Lindkogel (Wiener Wald) mit Live-Musik. Kaum ein Platz frei in der Dr.-J.-Mehrl-Hütte (Stangalpe), weil für Busausflügler gedeckt war. Gepfefferte Preise und Übernachtung nur mit Frühstück möglich im Rifugio Passo Valparola. Mittags Rucksack draußen lassen im Rifugio Val di Fumo, sicherlich damit der Restaurantcharakter nicht gestört wird. 4 Euro für eine Dusche im Rifugio Lisson, zwar ohne Zeitbegrenzung, aber dennoch: nein, danke. Usw., usw.

Im folgenden möchte ich den Routenverlauf skizzieren und einige Erlebnisse kurz schildern: In Wien regnete es in Strömen. Gleich zu Beginn meiner Wanderung ein Ruhetag? Das wäre ein schlechtes Omen gewesen. Also blieb mir nichts anderes übrig als zu starten. Allein die tägliche Frage, wo ich heute unterkomme, barg ein gewisses Abenteuer. Schon am ersten Tag, als ich im strömenden Regen in Hinterbrühl ankam, mußte ich nach über einem Kilometer Umweg zu einem Gasthof die bittere Erfahrung machen, daß (triefnasse) Wanderer nicht überall willkommen sind. Biwakieren bei diesem Wetter? Dazu hatte ich wirklich keine Lust. Also blieb mir keine andere Alternative, als mit dem 4-Sterne-Hotel Beethoven vorlieb zu nehmen. - Die Seegrotte bei Vorderbrühl, der größte unterirdische See Europas, der durch Wassereinbruch in ein Gipsbergwerk entstand, ist einen Besuch wert. Der Husarentempel in den Föhrenbergen erinnert an die Schlacht bei Aspern (Mai 1809), in der Napoleon seine erste Niederlage erlitt.

Die Hohe Wand in den Wiener Hausbergen lohnt nicht der Mühe. Aber ein herrlicher Wanderweg führt über die Dürre Wand. Viele Erdrutsche und ein vom Hochwasser verwüsteter Gasthof erinnerten mich an das kurz vor meinem Tourbeginn wütende Unwetter. Auf dem Schneeberg hatte ich erstmals die 2.000 m-Grenze überschritten. Der Abstieg ins Höllental durch die Weichtalklamm war ein landschaftlicher Höhepunkt, aber gefährlich durch die Nässe. Erste Fitness nach anfänglichen Problemen verspürte ich beim 1.100 m hohen Aufstieg zum Ottohaus auf der Raxalpe über den gut versicherten Wachthüttelkamm, den ich in 3 Stunden schaffte. Ein Einheimischer warnte mich Alleingeher, daß auf der Alpe durch Wetterumschwung schon viele erfroren seien. Ich konnte ihn unter Hinweis auf meine Ausrüstung zum Biwakieren beruhigen. Der zum Naßkamm hinunterführende Gamsecksteig war mein bei dieser Tour bisher anspruchsvollster Klettersteig. Es war mein längster Tag mit 14 Std. reiner Gehzeit, der mich vom Ottohaus über Raxalpe und Schneealpe führte, mit anschließender Odyssee, bis ich in Neuberg an der Mur bereits im Dunkeln um halb zehn ein Privatzimmer fand.

Über die Veitschalpe, von der mich der Teufelssteig steil wieder hinunterführte, gelangte ich zu einem weiteren Highlight, dem Hochschwab mit den wild zerklüfteten Aflenzer Staritzen. Viele Gämsen sonnten sich auf den Schneefeldern. Überwältigend der Blick in den riesigen Felsenkessel Oberer Ring. Nur das von Aussteiger-Studenten bewirtschaftete Schiestlhaus läßt leider sehr zu wünschen übrig. Eine interessante Kuriosität ist die ca. 750 m lange stockdunkle Frauenmauerhöhle, durch die man hindurchgehen kann. Dies ist ohne Führer strengstens verboten, aber das habe ich ignoriert. Beim Hinaustreten fällt der Blick auf den imposanten Erzberg bei Eisenerz.

Die Gesäuseberge rechts liegen lassend gelangte ich bei fast zu herrlichem Sonnenschein ins Paltental. Einreiben mit Sonnenmilch war angesagt. Dummerweise legte ich hierzu meine Uhr mit Höhenmesser beiseite und vergaß sie. Das war eine Schrecksekunde, als ich den Verlust bemerkte. Das Tempo, mit dem ich zurückeilte, kann man sich leicht vorstellen. Sie lag noch da - welch eine Erleichterung. Solche Vorfälle erhöhten meine Angst, irgendwo irgendwann etwas Wichtiges liegen zu lassen.

Zu einem weiteren landschaftlichen Höhepunkt gelangte ich in den Rottenmanner Tauern: Großer Hengst, Kleiner Bösenstein und weitere Überschreitungen auf dem österreichischen Weitwanderweg 02. Als ich jedoch fast senkrecht ohne jegliche Sicherung ein Stück zum Geierkogel hinaufgeklettert war und hinunterschaute, schauderte es mich bei dem Gedanken, hier in dieser einsamen Gegend abzustürzen. Kein Mensch weit und breit. Melancholie überfiel mich. Ich wollte hier in der Fremde nicht verenden. Ja, so weit gingen meine Gedanken, und wer die Berge kennt, weiß, daß dies realistisch ist. Der Gedanke an Frau, Kinder und Enkel, die ich unbedingt wiedersehen mochte, ließ nur einen Entschluß zu: Wieder abzusteigen. Ein riesiger wegloser Umweg lag vor mir. Aber er führte durch eine Landschaft wie im Paradies. Eine vielleicht 30 Tiere zählende Gamsherde donnerte dichtgedrängt am Berghang an mir vorbei. Ich war so fasziniert, daß ich das Fotografieren vergaß. Waren es wirklich Gämsen? Mein Tierlexikon sagt aus, daß die Weibchen und Jungtiere im Sommer Rudel bilden. Das erklärt die verschieden langen Hörner.

Herrliche Almwiesen mit ganzen Berghängen voll blühender Alpenrosen begleiteten mich nach Donnersbachwald. Ein einzigartiger Naturgenuß in den Schladminger Tauern zwischen St. Nikolai und Schimpelscharte: Wasserfälle, Bäche, Seen, Auen, Felsen, Täler, Berge - Natur, soweit das Auge reicht.

Hitze! 37° C waren angesagt - und ein Gewitter am späten Nachmittag. Ca. 1.200 Höhenmeter Aufstieg zum Gstoder (2.141 m). Etwa 100 Hm unter dem Gipfel bereits kurz nach Mittag Gewitter. Ich eilte zum Gipfel hinauf und auf der anderen Seite hinunter. Weg und Markierung verfehlt. Plötzlich tauchte ein Mann auf, der mich zu einer Hütte führte, die ich alleine nie gefunden hätte. Kurz vor der Hütte brach die Hölle los: Unwetter, Hagel, Blitzrekord: 3.000 Blitze wurden allein in Kärnten gezählt.

Ein weiteres Naturparadies, die Nockberge. Aber das Wetter war schlecht, und so wurde es nichts mit Biwakieren und Tierbeobachtung. Es folgten herrliche Tiefblicke zum Millstätter See und 1.600 Steigmeter von Spittal zum Goldeck (2.142 m) bei heißem Wetter. Und zum Abschluß noch 900 Hm Abstieg zum Weißensee: Eine von einigen „Wahnsinnsetappen“. Es waren 11 Std. Gehzeit, wobei die knappe Zeit bis zum Dunkelwerden mein Tempo immens gesteigert hatte. Den Weißensee schon tief unter mir erblickend, mußte ich noch auf etwa gleicher Höhe ein weites Halbrund durcheilen. Dann ging’s endlich steil hinunter. Aber so steil und auf gutem leicht begehbarem Waldboden, daß ich für die 900 Hm etwa eine Stunde brauchte.

Petrus bescherte mir herrliches Wetter für die wildromantische Garnitzenklamm hinauf zu den Karnischen Alpen. Das Naßfeldhaus des Alpenvereins wurde leider verkauft. Daher machte ich zum Übernachten einen Abstecher zur Rudnigalm. Auf dem Höhenweg war das Wetter leider sehr wechselhaft mit vielen Wolken und Regen. Erste Begegnung mit Relikten aus dem 1. Weltkrieg: Schützengräben, verfallene Kavernen, Stacheldraht. Blutgetränkte Erde um den Plöckenpaß, wo ich beim Abstieg einen schönen Blick auf die heißumkämpften Berge Kleiner Pal und Cellon hatte. Der Klettersteig zum Kleinen Pal und der wohl weltweit einzige Tunnelklettersteig am Cellon waren mir als Einzelgeher jedoch zu gefährlich. Der österreichische Heldenfriedhof des 7. Korps inmitten herrlicher Waldlandschaft macht nachdenklich.

Als ich vom Hochweißsteinhaus aufbrechen wollte, war alles in dichten Wolken. Die Wirtin riet mir ab, den Kammweg zu gehen. Also hinunter auf einen Almenweg und dann wieder hinauf zur Neue Porze Hütte. Hinunter ging’s auf einem steilen, glitschigen und derart bis auf Brusthöhe zugewachsenen Weg, daß ich oft meine Füße und die Stelle, wo ich hintrat, nicht sehen konnte. Da war es kein Wunder, daß ich ausrutschte, über Wurzeln stolperte, abknickte und hinfiel. Zum Glück ohne Folgen. Aber der Almenweg war wunderschön; besonders imposant die mit Arnika bewachsenen Wiesen. Auch hatte das nasse Wetter viele Alpensalamander hervorgelockt.

Wenn man in der Nähe der Filmoor Standschützen Hütte vor den senkrechten Felsen der Königswand steht, wird einem der Wahnsinn dieses Gebirgskrieges so recht bewußt: Von Östereichern besetzt, von Italienern erobert, von Österreichern zurückerobert - tobender Krieg in der Senkrechten. Auch das Traumpanorama von der Pfannspitze (2.678 m) wird von Zeugnissen des Krieges begleitet. Bei den Hochgrantenseen in herrlicher, einsamer Naturlandschaft entdeckte ich einen winzig kleinen Friedhof mit 4 Standschützengräbern. Idylle in memoriam eines blutigen Krieges!

Zu den Standschützen muß ich folgendes erläutern: Sie sind eine in der Welt einmalige Tiroler Besonderheit. Es gibt sie seit Kaiser Maximilians Landlibell im Jahre 1511. Obwohl sie keine Soldaten sind, genießen sie nach der Genfer Konvention volles Kriegsrecht, d.h. im Falle der Gefangenschaft werden sie wie Soldaten, also nicht als Partisanen, behandelt. Gendarmen und vor allem nicht wehrpflichtige Standschützen, also junge und alte, hielten 1915 die Front beim italienischen Angriff, denn es gab dort außer der Friedensbesatzung keinen einzigen Soldaten. Übrigens waren diese Scharfschützen auch bei Napoleons erster Niederlage 1809 maßgeblich beteiligt.

Den Eintritt nach Südtirol mußte ich mir mit einem in die Knie gehenden Abstieg nach Moos von 1.340 Hm „erkaufen“. An meinem ersten Ruhetag traf ich meine Frau und Wanderfreunde. Blauer Himmel in den Sextener Dolomiten, so daß ich noch einen Umweg ging über einen alten Kriegssteig, den Schartenweg, von der Büllelejochhütte zur Gamsscharte. Geröllfeld und Galleria hinab zum Paternsattel, vorbei an den berühmten Drei Zinnen, wo gerade 3 leichtsinnige Kletterer per Hubschrauber gerettet wurden.

Die Klettersteige der Cristallo-Gruppe sind mir ohne Selbstsicherung zu gefährlich. Ich ging daher zwischen dem Bergmassiv und Cortina d’Ampezzo auf viel Asphalt. Herrliche Fernblicke von den Tofanen zur bizarren Croda da Lago. Da das Rifugio Col Gallina geschlossen war und es am Falzarego-Paß keine Übernachtungsmöglichkeit gibt, mußte ich noch spät abends bis zum Rifugio Passo Valparola auf der Straße weitermarschieren.

Schönes Tiererlebnis am nächsten Tag: junge Murmeltiere spielten miteinander, wenige Meter vor meinen Augen. Ein harter Nachmittag stand mir bevor: 1.300 Hm Aufstieg vom Hotel Boè auf den Boègipfel (3.152 m) in brütender Hitze. Zunächst wurde ich auf einer Schotterstraße von Geländewagen eingestaubt. Den Wanderweg gibt es nicht mehr. Dann mußte ich eine frisch geschobene Skipiste mit lockerem Schotter steil hinauf. A propos Skipistenbau: Die Natur hat gegenüber der Geldgier der Menschen keine Chance! Glücklicherweise folgte danach die Belohnung: Phantastische, in ihrer Kargheit mit viel nacktem Fels wunderschöne Natur. Die Bergseen leuchten wie Augen hervor. Abends folgte dann noch ein Eilabstieg durch wildromantische Täler zum Sellajoch.

König Laurins Reich, den berühmten Rosengarten, habe ich über den Passo Coronelle überquert. Die Latemar-Gruppe habe ich nördlich umgangen und in Kurtatsch an der Südtiroler Weinstraße meine Frau nebst Wanderfreunden zum zweiten und letzten Mal getroffen und eine dreitägige Pause eingelegt. Eigentlich mindestens ein Tag zuviel, aber am 3. Tag hatte meine Frau Geburtstag, und den wollte ich schon mit ihr feiern. Gut erholt konnte ich dann wieder eine schwere Etappe über den Mendelkamm unter die Füße nehmen.

Schwarzer Tag beim Aufstiegversuch auf die Brenta: Keine Markierung, und für dieses Teilstück hatte ich keine Karte. Hatte mich verfranzt und mußte wieder absteigen. Über tausend Steigmeter umsonst gegangen. Das war deprimierend. Ich hätte heulen können. Selbst mein ohrenbetäubender Schrei konnte mich nicht befreien. Ins selbe Hotel zurück? Nein, diese Blamage wollte ich mir ersparen. Und siehe da, im Nachbarort gibt es ein Hotel mit Schild: „Man spricht deutsch“. Und der Freund der deutschsprechenden Tochter des Hauses kennt sich in der Gegend aus wie in seiner Westentasche. Eine detaillierte Wegskizze verhalf mir am nächsten Tag ohne Probleme zur Brenta hinauf. Zur Linken wilde Felslandschaft, zur Rechten der liebliche Lago di Tovel und wieder auf markiertem Weg schöpfte ich neuen Mut. Abschreckender Massentourismus dank mehrerer Seilbahnen am Passo Grosté, aber dann die imposanten Wasserfälle der Cascata di Mezzo.

Und wieder mußte ich einen schwarzen Tag überstehen. Ich hatte mich gleich 4 mal verlaufen. Ohne Zweifel, die Markierung war nicht gut, aber dennoch war ich jedesmal selber Schuld. Mein Tourenbuch, das ich täglich führte, verrät an dieser Stelle: „Meine Einstellung, so schnell wie möglich das Ziel zu erreichen, macht mich nervös. Vielleicht macht mir auch die psychische Belastung zu schaffen. Muß die Sache ruhiger angehen.“ Vor allem machte ich wieder einmal den Fehler, im Zweifelsfalle nicht rechtzeitig genug umzukehren.

Am Südende der Adamello-Gruppe erwarteten mich wieder überwältigende Landschaften, aber auf teils abenteuerlichen Wegen. Doch zunächst Regen und Sturm, der einen fast umwarf beim Aufstieg zum primitiven Bivacco Dosson. Ich fror derart, vor allem an den Händen, so daß ich lange Zeit zum Aufwärmen brauchte. Übernachtung auf harten Brettern, aber Einsamkeit und Stille in der Natur entschädigten voll. Schwieriger, da sehr steiler Abstieg im Geröll zum Rif. Lissone; abfahren wegen größerer Gesteinsbrocken nicht möglich. Der Sentiero Adamello, den ich ein Stück über den Passo di Póia (2.775 m) gegangen bin, bietet viel Granitgestein, teils Geröfffelder mit riesigen Brocken, über die man klettern, springen oder turnen muß. Richtig Spaß gemacht hat das Abfahren über ein größeres Schneefeld.

Das sehr laute Hotel an der Durchgangsstraße in Malonno bot, wie zum Ausgleich, einen phantastischen roten Tischwein: dunkel, fruchtig, würzig, einfach ein Gedicht. Der südtiroler Kalterer See ist ein fades Weinchen dagegen. Das Frühstück in diesem Hotel jedoch ist ein Beispiel dafür, wie man abgezockt wird. Da die Kraft nicht von alleine kommt, hatte ich mir zum Frühstück noch Schinken und Käse bestellt. Rechnung: 10 Euro. Als Wanderer hat man oft keine Alternativen.

Und wieder erwartete mich ein Abenteuer. Zunächst den richtigen Weg nicht gefunden, was mich schon nervös machte. Dann ging’s ohne Markierung weiter. Nur der Piz Tri (2.308 m) war ab und zu ausgeschildert. Aber den wollte ich umgehen, zumal laut Karte eine Überschreitung nicht möglich ist. Völlig im Ungewissen marschierte ich bergauf. Da, ein erster Donner. Ich war verzweifelt. Genau das, was ich vermeiden wollte, traf jetzt ein: Gewitter, und ich war noch nicht über dem höchsten Punkt. Also alles falsch gemacht. Plötzlich entdeckte ich in der Ferne einen Pfad Richtung Norden. Und auf einmal war alles richtig, abgesehen davon, daß ich mich später nochmals kräftig verlaufen hatte. Und so ergab sich mal wieder eine „Wahnsinnsetappe“: 10 Stunden Gehzeit und fast 2.000 m Höhendifferenz.

Es folgten unschöne Abschnitte auf viel Asphalt in großer Hitze (bis zu 30° C) durchs Val Tellina. Dieses Tal ganz oder zum Teil zu umgehen, nördlich z.B. auf dem Sentiero Roma, oder südlich durch die Bergamasker Alpen, hätte viel zu viel Zeit gekostet. Am Comersee konnte ich der Dolce Vita nicht widerstehen und quartierte mich in einem Hotel direkt am See ein, um ein erstes Bad zu nehmen. Auf dem Passo San Jorio betrat ich schweizer Gebiet und genoß außer der Landschaft auch die gute schweizer Markierung. Durch die fruchtbare Ebene, den Piano di Magadino, gelangte ich zum Lago Maggiore. Die Tourismus-Orte Locarno und Ascona durchquerte ich teils auf schönen Uferwegen. Vom Langensee-Höhenwanderweg genoß ich wunderschöne Blicke auf den See.

Doch nun wurde es wieder ernst mit alpinen Etappen. Nach der Übernachtung im relativ bequemen Bivacco Fornà (1.649 m) war es derart schwül, daß jeder Schritt schwer fiel und der Schweiß in Strömen floß. Auf die Besteigung des Pizzo Marona (2.051 m) folgten über 1.800 Hm Abstieg zum Lago di Mergozzo und ein abenteuerlicher Weg am Nordrand des Sees. Ich wurde von Einheimischen gewarnt: „Un camino brutto“. Die Markierung war derart schlecht und der Weg teils zugewachsen, so daß ich einmal im Dornengestrüpp landete und nur schwer wieder herausfand, und das zu allem Unmuß noch im Regen. Spät in Mergozzo angekommen, war ich auf die einzige Übernachtungsmöglichkeit, ein teures Hotel, angewiesen. Welch ein Kontrast: Da steckt man mit zerkratzten Armen und Beinen im Dickicht und wenig später genießt man im 3-Sterne-Hotel ein köstliches Bier vom Faß.

Nächste Überraschung: Die Brücke über den Fiume Toce nach Ornavasso ist wegen Baufälligkeit gesperrt. Dennoch drüber! Ein wunderschöner Kammweg über den Monte Massone schied wegen dichter Wolken aus. Trotz zwar neuer, aber chaotischer Markierung über ausgedehnte Hochalmen fand ich mit einigem Glück den richtigen Weg.

In Campello Monti stieß ich auf den piemontesischen Weitwanderweg GTA (Grande Traversata delle Alpi). Ein sehr schöner, meist hochalpiner Weg mit großen Höhendifferenzen, mit Pässen bis über 2.500 m, mit meist schlechter Markierung auf alten, oft mauergestützten Saumpfaden, aber auch auf halsbrecherischen Wegen und mit wenig Infrastruktur. Die GTA ist zwar eigens geschaffen worden, um den Bergbewohnern ein Zubrot zu ermöglichen und um damit die Abwanderung in die Städte zu bremsen. Doch es gibt nur wenig Wanderer auf diesem Weg. Aber genau das macht den besonderen Reiz aus. Wer auf Bequemlichkeit verzichtet, kann die grandiose Landschaft in stiller Einsamkeit mit vollen Zügen genießen. Die Zeit scheint hier stehengeblieben zu sein. Berge, tiefe Täler und Almen mit steilen Hängen, an denen Almhütten und Dörfer „kleben“, prägen das Bild. Es gibt zwar zerfallene Almhütten, aber die Almen reichen hoch hinauf bis über 2.000 m. Nur - einkehren kann man nicht. Eine deftige Jause wie in Österreich: Fehlanzeige.

Gleich hinter der Bocchetta di Rimella werden die Schwierigkeiten deutlich. Ohne Markierung muß man sich auf den unten sichtbaren Weg durchschlagen. Bei Nebel unmöglich. Das Dorf San Gottardo bietet eine Postkartenidylle par excellence. Phantastisches Essen in vergammeltem Posto Tappa (Etappenunterkunft) in Santa Maria. Nachts schüttete es, und das Wasser tropfte von der Decke in mein Bett. Als einziger Gast hatte ich jedoch genügend Ausweichmöglichkeiten. Es folgte ein Tag, an dem ich mich besonders fit fühlte. 2 Pässe, der Colle del Termo (2.531 m) und der Colle Mud (2.324 m) bescherten mir über 2.200 m Höhendifferenz und fast 10 Stunden Gehzeit. Kurz vor meinem Etappenziel, dem Rifugio in San Antonio, konnte ich den Genuß eines Paulaners vom Faß mit Kunstgenuß kombinieren, denn von der Bar aus hat man den direkten Blick zu der Frontseite der Kirche mit dem riesigen Gemälde „Das Weltgericht“ eines einheimischen Künstlers.

Überraschung am nächsten Abend um 18.00 Uhr: Kam abends müde am Kloster San Giovanni an, doch der Posto Tappa war wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. „Rif. Galleria Rosazza, 2 hore“, lautete die Auskunft. Ich schaffte es in 1 Std. 10 Min. Ein schwarzer Vormittag folgte: Auf einem Feld von Felsbrocken verlor ich den Weg. Statt zurückzugehen, kletterte ich mühsam weglos einen steilen Grashang hinauf, weil ich glaubte, oben einen Weg gesehen zu haben. Zum Glück existierte dieser tatsächlich, aber ich war viel zu hoch geraten und mußte auf der anderen Seite ein großes Stück, auch teils weglos, wieder hinunter. Schinderei für die Katz! Das tat weh. Der Aufstieg zum Rif. Coda (2.280 m) fiel mir daher sehr schwer, aber oben angekommen, schöpfte ich neue Kraft und beschloß, noch bis Maletto abzusteigen. „No la cresta“ zum Colle della Lace, warnte mich der Hüttenwirt. Aber auch der Hangweg ist sehr beschwerlich, teils zugewachsen, bei Nässe lebensgefährlich. Und dann wieder sehr schlechte Markierung über ausgedehnte Almwiesen. Ohne die glückliche Fügung, von einem Einheimischen hinuntergeführt zu werden, hätte ich mich garantiert mehrmals verlaufen.

Das Rifugio Chiaromonte entpuppte sich als primitive Almhütte auf 2.014 m Höhe. Aber die Sennerin, ein gestandenes muskelbepacktes Weibsbild, zauberte mit einfachen Mitteln ein großartiges Essen. Und, wie so oft, der dunkle, fruchtige, vollmundige Rotwein fand regen Zuspruch, zumal ich das Glück hatte, daß 3 Deutsche mir Gesellschaft leisteten. Im malerischen Dorf Fondo verbrachte ich meinen einzigen „Zwangsruhetag“, da die Bocchetta delle Oche mit 2.415 m Höhe bei Regen und dichten Wolken zu gefährlich ist. Aber die Fleischtöpfe der Wirtin halfen mir und den 3 anderen über die Zeit hinweg. Trotz Wetterbesserung am nächsten Tag war der Abstieg vom Paß wegen glatter felsiger Stellen gefährlich. Häßliche Straßenabschnitte wechselten nun mit herrlichen Landschaften.

Im Albergo Gran Paradiso in Noasca bekam ich das bisher primitivste Frühstück. Außer Kaffee ein klein wenig Butter und Marmelade, dazu trockener Zwieback, nicht einmal ein Brötchen. Die Italiener tauchen nämlich den mit Marmelade bestrichenen Zwieback in den Kaffee ein. Oh bella Italia, „Frühstücks-Entwicklungsland“!

Die GTA ist an einigen parallel zur Straße verlaufenden Stellen nicht mehr begehbar, da die Wanderer in der Regel den Bus nehmen, und der Weg daher nicht mehr unterhalten wird. Aber manchmal bin ich auch, um schneller vorwärts zu kommen, freiwillig die Straße gegangen, so auch kurz vor dem Lago di Ceresole Reale. Und an dem folgenden Beispiel möchte ich die überaus freundlichen Menschen würdigen. Ich schickte mich gerade an, in einen 3,5 km langen Tunnel hineinzugehen, als ein Rennradfahrer mich überholte, scharf abbremste und zu mir zurückkam, um mir den nützlichen Rat zu geben, statt des Tunnels die alte Straße zu gehen. Dadurch wurden mir stinkende Abgase erspart. Diese Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit Fremden gegenüber!

Der Übergang über den Colle della Crocetta (2.641 m) bescherte grandiose Landschaft, phantastische Blicke zum Gran Paradiso. 1.600 Höhenmeter Abstieg nach Pialpetta bescherten mir jedoch verstärkte Kniebeschwerden. In großer Hitze, zum Glück meist im Schatten, ging’s hinauf zum Colle di Trione (2.485 m). Ich muß Werner Bätzing, der 2 kleine aber unverzichtbare Führer über die GTA geschrieben hat, Recht geben: Manchmal scheint der Weg ein Bachbett in dichtem Gestrüpp zu sein. Da wird man von außen und innen naß. Zur Belohnung konnte ich ein Himbeer-, Brombeer- und Heidelbeer-Zweitfrühstück einlegen.

Es ging mir schon auf die Nerven, fast täglich auf den Almen den „stillosen Kuhfladriolen“ auszuweichen, was mir auf schmalen Pfaden am Hang oft kaum gelang. Auch brauchte ich an solchen Stellen oft lange, bis ich an einer Kuh vorbeikam. Aber sehr interessant war in Piemont die überreiche Fauna an Grashüpfern auf den Almen. Es „spritzte“ nur so von allen Seiten. Eine derartige Fülle von Tieren, allein die, die ständig in der Luft waren! An diesem Tag fielen mir besonders die Grashüpfer auf, die ein Stück fliegen können und dabei klappern.

Die beiden gefährlichsten Bachüberquerungen standen mir bevor. Meiner alten Karte folgend verfehlte ich die Brücke und mußte auf glitschigen Steinen übers rauschende Wasser. Fast wäre ich ausgerutscht und gestürzt. Wieder herrliche Landschaft mit schönen Bergseen beim Überqueren des Passo Paschiet (2.435 m). Der Abstieg vom Colle di Costa Fiorita (2.465 m) erfordert höchste Aufmerksamkeit. Gefährliche nasse Stellen in steilem Fels- und Grasgelände! Vom Lago di Malciaussia ging’s hinauf zum Colle Croce di Ferro (2.558 m), wie immer mit phantastischem Panorama. Weit im Hintergrund lugt der bekannte Mon Viso heraus. Nach ca. 2.000 Höhenmetern Abstieg erreichte ich das Tal der Dora Riparia und damit den Südabschnitt der GTA. Der Schweiß floß in Strömen in sengender Hitze.

Es gibt auch, zum Glück nur wenige, negative Beispiele an Freundlichkeit. In Salbertrand störte ich im einzigen Albergo den jungen Mann hinter der Theke beim Fernsehen mit meiner Frage nach einem Zimmer. Entsprechend mufflig fiel seine Absage aus. Der Posto Tappa, den es laut Bätzings Führer und einer Informationstafel geben muß, existiert nicht. Nach 11 Stunden Gehzeit kam ich um halb neun auf einem Campingplatz an und fand ein Plätzchen unter einer Fichte zum Biwakieren.

Die Pässe der südlichen GTA sind teils höher als die der nördlichen, aber dennoch nicht so extrem alpin, da das Gelände vom Militär besser erschlossen wurde. Aufgrund der Jahrhunderte dauernden Feindschaft gegenüber Frankreich wurden mächtige Festungen gebaut, wie Exilles im Tal der Dora Riparia und Fenestrelle im Tal des Chisone-Flusses. Militärstraßen und Wege wurden bis über 2.500 m Höhe errichtet. Leider ist das Befahren dieser alten Naturstraßen erlaubt und zieht somit Motorradfreaks aus halb Europa an. Es ist irgendwie deprimierend, wenn man 1.500 Höhenmeter durch den wunderschönen Naturpark Gran Bosco di Salbertrand aufsteigt und oben auf der Straße von Autos und Motorrädern eingestaubt wird. An der Testa dell’Assietta (2.567 m) zeugt ein Denkmal von der Schlacht am 19. Juli 1747, in der 8.000 Mann, darunter Waldenser-Milizen, 20.000 Franzosen zurückschlugen. Die Franzosen wollten die vorerwähnten Festungen umgehen, aber die Piemonteser hatten diese Taktik geahnt. In Piemont gibt es viele Zeugnisse der wechselvollen waldensischen Vergangenheit. Meist wurden sie verfolgt, aber wenn sie gebraucht wurden, wie z.B. bei vorerwähnter Schlacht, bekamen sie freie Religionsausübung zugesichert.

Am Colle dell’Albergian (2.713 m) erinnerte mich Bätzings Führer an die 80 erfrorenen waldensischen Kinder und Säuglinge, die hier um 1400 vor Verfolgern versteckt worden waren. In Balziglia gibt es ein kleines Waldenser-Museum, in dem auch die Ereignisse des Jahres 1689 anschaulich dargestellt sind. Zuvor, 1685, wurde in Frankreich das Edikt von Nantes, das den Hugenotten freie Religionsausübung zugesichert hatte, aufgehoben. Daher wurden auch in Piemont die Waldenser nach einem großen Blutbad in die evangelische Schweiz vertrieben. Mit der sog. Glorieuse Rentrée im Jahr 1689 kehrten etwa 1.000 Waldenser in ihre Heimattäler zurück und verschanzten sich westlich von Balziglia. Ihre Lage war hoffnungslos, doch plötzlich erklärte Savoyen-Piemont Frankreich den Krieg, und die Waldenser waren, diesmal für immer, gerettet.

Weiter ging’s mit ständigem Wechsel zwischen Tälern und Pässen. Auffallend ist die Conca del Prà, eine 4 km lange und 1 km breite ebene Alm-Hochfläche in 1.700 m Höhe, die einst ein See war. Das Rifugio Jervis auf dieser Fläche bietet sehr gutes überreichliches Essen. Der gute Eindruck wird allerdings durch Spielgeräte in der Bar, verbunden mit lautem „musikähnlichem“ Lärm, getrübt.

Am nächsten Tag schaffte ich mal wieder eine riesige Etappe. Hinauf ging’s zum Colle Seilliere (2.851 m) und auf französischem Gebiet hinunter zum Réfuge Mont-Viso, das wegen Umbauten geschlossen war. Dunkle Wolken zogen auf, so daß ich noch einen Schritt schneller ging, dabei mich verlaufen hatte und, um auf den richtigen Weg zu kommen, ein steiles Stück weglos hinunterklettern mußte. Auf jeden Fall wollte ich noch vor einem möglichen Gewitter über den 2. Paß des Tages, den Passo Vallanta (2.811 m), kommen, um im Rifugio Vallanta zu übernachten. Aber der Rifugio gefiel mir nicht, und so eilte ich noch ins Tal nach Castello. Da es dort keine Übernachtungsmöglichkeit gibt, ging ich noch die Landstraße bis Casteldelfino. Und ich hatte Glück; die Wolken entluden sich erst in den Abendstunden.

Eigentlich wollte ich am nächsten Tag nur eine kurze Etappe zum Rifugio Carmagnola gehen. Aber der Weg dorthin laut Karte existiert nicht, und so wurde es eine noch längere Etappe wie am Tag zuvor von über 9 Stunden Gehzeit und 1.700 m Höhendifferenz bei gesteigertem Tempo. Zunächst 1.500 Hm hinauf in grandioser Landschaft zum Colle di Bellino (2.804 m), hinunter nach Chiappera mit seinem riesigen schief aufragenden Felsklotz, und weiter nach Chialvetta, wo ich im Posto Tappa Halbpension buchte. Die gebratene Forelle war ein Gedicht.

Durch die schluchtartige Engstelle Le Barricate mit der riesigen fast senkrechten Felswand gelangte ich nach Bagni, wo ich mir den Luxus eines 4-Sternehotels mit Thermalbad für meine müden Knochen erlaubte. Am nächsten Morgen beim Frühstück schüttete es. Aber es hörte auf und ich zog los. Kaum hatte ich den Paß überquert, kündigte sich das nächste Gewitter an, und ich mußte noch ein großes Stück auf dem Kamm gehen. Dank eines gewaltigen Adrenalinstoßes glaubte ich fast über den zum Glück meist guten Weg zu fliegen. Kaum hatte ich das höchstgelegene Kloster Europas, S. Anna di Vinadio (2.035 m), erreicht, kübelte es aus allen Wolken. Die Wände der Klosterkirche sind voll von Fotos und Gemälden, die Menschen, die ihre wundersame Rettung aus einem schweren Unglück der Schutzheiligen zu verdanken glaubten, dort aufhängen ließen. Auch ein großes Poster des Fußballvereins Juventus Turin ist dort zu sehen, dessen Spieler den Hexenkessel des Brüsseler Heysel-Stadions überlebten.

Über den Colle della Lombarda kam ich endgültig nach Frankreich hinein. Hauptwanderwege, wie die GR 5 und GR 52, sind bestens markiert, Nebenwanderwege jedoch schlecht oder gar nicht. Daher mußte ich einige Umwege in Kauf nehmen. Um Isola 2000 ist offenbar alles auf Wintersport eingestellt; eine Markierung war totale Fehlanzeige. Über malerisch auf Anhöhen gelegene Orte, wie Le Brec d’Utelle und Aspremont erreichte ich Nizza. Ein erhabenes Gefühl, als ich Nizza zu meinen Füßen sah. Der „Nizza-Mann“, wie mich eine Wanderin nannte, hatte sein Ziel erreicht. Noch am Morgen war es unwahrscheinlich, daß ich abends den Nachtzug nach Straßburg nehmen konnte. Die ganze Nacht und noch am frühen Morgen wütete ein Unwetter, das viele Schäden und Erdrutsche verursacht hatte. Doch es hörte auf, und ich konnte wider Erwarten losmarschieren.

Was ich mit dieser Tour auf mich geladen hatte, wurde mir eigentlich erst später, besonders beim Schreiben dieses Berichtes, bewußt. Anfangs war die willkommene Abwechslung vom Alltag vorherrschend. Später kehrte dann ein gewisser Trott ein, ja sogar eine gewisse Lethargie. Ich ging einfach weiter und weiter, ohne nachzudenken. Allerdings, wenn ich mich besonders schinden mußte, abgekämpft war, gefährliche Wege ging, vorm Gewitter flüchten mußte, mich verlaufen hatte usw., dann fragte ich mich: „Warum hast du dir sowas angetan?“ In den letzten Wochen, als mir die Zeit zu lang wurde, hätte ich jeden Tag am liebsten abgebrochen und den Heimweg angetreten. Aber ernsthaft daran gedacht, dies wirklich zu tun, hatte ich keine einzige Sekunde. Wie gesagt: Weiter und weiter.



Diesen Beitrag teilen



   

Anmeldung  

   

Wer ist online  

Aktuell sind 103 Gäste und keine Mitglieder online

   
© Netzwerk Weitwandern e.V.
Verstanden

Diese Seite verwendet Cookies.

Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Inhalte und Dienste. Durch die Nutzung unserer Webseite erklärst Du Dich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen.

Erfahre mehr...