Ein Europäischer Fernwanderweg zwischen Polen und Rumänien?

Berichte
Erstellt am Donnerstag, 25. Oktober 2007
Geschrieben von Dr. Lutz Heidemann

Die Ukraine ist uns fern und nah zugleich.  Es ist eine Frage der Perspektive, ob man solche Gebirge wie die ukrainischen Karpaten als Grenzen oder als Brücken- und Durchgangsräume ansieht. Interessant sind sie allemal. Gedanken nach einer Durchquerung der ukrainischen Karpaten von Dr. Lutz Heidemann.

Im Sommer 2007 ist eine Gruppe von neun deutschen Wanderern in den ukrainischen Karpaten von Ust Tschorna bis Czernowitz gewandert. Es war dies für Günther Krämer, den Initiator der Wanderung, die siebte Etappe bei der Verwirklichung des Wunsches, von seiner schwäbischen Heimat bis Czernowitz zu wandern. Er folgte bei diesem mehrjährigen Projekt den Gebirgskämmen: anfangs dem Erzgebirge und dem Riesengebirge, dann den Sudeten, später der Tatra und der Fatra, den Beskiden und schließlich erreichte er die Karpaten. Diese ganzen Höhenzüge sind das Ergebnis der gleichen „Faltung“, und sie markieren den Rand zu weiten fruchtbaren Ebenen. Es ist eine Frage der Perspektive, ob man solche Gebirge als Grenzen oder als Brücken- und Durchgangsräume ansieht. Interessant sind sie allemal.

Als Richtschnur für die Wanderungen diente Günther Krämer der Verlauf des Europäischen Fernwanderweges E 3 und später des E 8. Günther hatte mit dieser Wanderung im Jahr 2000 begonnen, teils alleine, teils zu zweit, teils in einer Gruppe. Im Sommer 2006 war auch ich dabei. Wir sind damals mit zehn Personen aus dem ostslowakischen Grenzgebiet zehn Tage hinein in die Ukraine gewandert. Alle Beteiligten waren von dem dort Gesehenen sehr angetan. Besonders beeindruckt waren wir von den großen Wäldern, den Weidehochflächen und den vielen Holzhäusern in den Dörfern. Günther Krämer hat sehr detailliert jede Etappe unter http://www.lustwandeln.net/ukraine06.htm und http://www.lustwandeln.net/ukrhilfe.htm dokumentiert und ich habe darüber in Wege & Ziele 21 - Dezember 2006 berichtet.

Wir wurden – zu unserem Glück – weder letztes noch dieses Jahr von einem Kamerateam von Pro Sieben oder der Konkurrenz begleitet. Zu berichten hätte es viel gegeben. Aber trotzdem sollte unsere Wanderung, wie die Wahl der Strecke und der Etappen 2006 und 2007, kein reines Privatvergnügen sein, sondern wir wollten damit den Nachweis führen, daß die Trasse des E 8, die jetzt in dem polnisch - slowakisch - ukrainischen Dreiländereck endet, sehr wohl über das ukrainische Staatsgebiet verlängert und in den rumänischen Karpaten fortgesetzt werden kann. Die Grundidee für die Streckenführung stammt nicht von uns, sondern war schon in den Übersichtskarten der Europäischen Wandervereinigung (EWV) einskizziert, war aber bisher nicht weiterverfolgt worden. Der Plan ist sinnvoll und lohnenswert, aber um daraus etwas Dauerhaftes zu entwickeln - man muß nur an so wichtige, wie mühsam herzustellende Dinge wie ausreichende Wegebeschilderungen, Unterkunftsnachweise oder Karten denken - braucht es örtliche Kooperationspartner, genauer: regionale oder nationale Träger. Ein Katalysator zum Organisieren solcher örtlichen Kooperationen könnte der deutsch-ukrainische Verein „Ostwind e.V.“ (www.ostwind-ev.de) sein, der auf unser Vorhaben aufmerksam wurde und uns zur Zusammenarbeit aufforderte. Diesesmal waren Mitglieder vom „Ostwind“ dabei.

Lohnt sich der Aufwand? Hat ein Europäischer Karpatenhöhenweg eine Chance? Welche Zielgruppen sollen damit erreicht werden? Uns sind unterwegs Wanderer begegnet. Besonders viele waren das auf der Howerla, dem höchsten Berg der Karpaten und der Ukraine, und in deren weiterer Umgebung. Wir trafen z.B. Einzelwanderer aus der Tschechischen Republik, aber auch Pfadfindergruppen aus Kiew oder - auf der 2006-Wanderung - polnische junge Frauen. Doch die Frage konkret auf Deutschland und das „Netzwerk“ bezogen: Kann man realistischerweise eine genügende Anzahl westeuropäische, z.B. deutschsprachige Wanderer für dieses Gebiet gewinnen? Welche Umsetzungs-Strategien muß man dafür entwickeln? Kann aus einem Fernwanderweg ein Entwicklungsimpuls für eine Gegend ausgehen, die etwas Besonderes ist, aber deren Qualitäten bedroht sind? Kann man mit einem neuen Fernwanderweg mehr erreichen, als die Neugier einiger unerschrockener Wanderer zu befriedigen, die spätestens nach drei Wochen wieder abgereist sind?

Unser Verein – oder einzelne Mitglieder dieses Vereins – können diese Fragen nicht beantworten oder gar die damit aufgeworfenen Probleme lösen. Aber wir halten eine Verwirklichung für durchaus machbar. Aus praktischen Gründen wird man mit geführten Gruppen auf Teilstrecken anfangen. Auch wir hatten mehr oder minder kontinuierlich unterschiedliche ukrainische Begleiter dabei, sind aber auch Strecken ganz alleine gegangen. Nirgendwo existiert eine Markierung, trotzdem kamen wir zurecht, denn wir hatten ganz passable Karten dabei. Das Endziel muß jedoch ein gut markierter Weg mit vernünftigen Tagesetappen sein, den Wanderer allein gehen können.

Die reizvolle Haupttrasse geht quer zu den Tälern; die Wanderstrecke beinhaltet also viele Aufstiege und Abstiege. Die Orte mitten im Gebirge liegen dann oft so weit auseinander, daß sie nicht von einem zum nächsten Tag erreicht werden können. Da müßten Zwischenstützpunkte geschaffen werden, z.B. in Form von für eine Übernachtung hergerichteten Holzfällerhütten, wo der Einzelwanderer oder die Gruppe von einem motorisierten Einheimischen mit Lebensmitteln und hergerichteten Schlafplätzen empfangen wird oder von dem sie am Morgen den Schlüssel erhalten haben und wissen, daß alles für eine Übernachtung notwendige oben im Gebirge vorbereitet ist. An den Wanderern sollen ja die Ortsansässigen mitverdienen.

Doch wer sich auf eine Weitwanderung aufmachen will, braucht ein Ziel oder wie man heute auch gerne sagt, eine „Vision“, also ein Bild vor Augen, das soviel Faszination ausstrahlt, daß damit auch schwierige Abschnitte überspielt werden können. Ist hier eine solche „Zielbegeisterung“ denkbar? Was wissen wir in Deutschland von den ukrainischen Karpaten? Welche Bilder existieren in unseren Köpfen – oder können zur „Lust-Weckung“ herangezogen werden? Allein die Landschaft reicht meines Erachtens nicht aus, fremde Wanderer in die „Waldkarpaten“ zu locken, so der neutrale Begriff der Geographen für diese Gegend. Es gibt vielseitigere und „spannendere“ Gebirgsregionen. Zudem ist vieles in der gegenwärtigen Ukraine unkomfortabel und fremd. Es sollte auch nicht verschwiegen werden, daß die ukrainischen Karpaten ein „Wetterwinkel“ sind. Die vom Atlantik kommenden Wolken hängen hier oft fest, dafür ist die Gegend schön grün.

Ich plädiere dafür, in den ukrainischen Karpaten Fernwanderungen mit Stadtbesichtigungen zu verbinden. Das hätte Konsequenzen für die Netzplanung. Zunächst sollte es eine durchgehende Hauptachse geben, die dann auch die Anbindung an die rumänischen Karpaten suchen muß. Da wird es praktische Zwangspunkte geben, z.B. eine Grenzstation zu Rumänien möglichst nah an den Bergen. Und von der Haupttrasse sollten Abzweige zu Städten bedacht werden, so wie wir ja nicht nach Rumänien weitergewandert sind, sondern in einer interessanten Stadt ankommen wollten. Auch umgekehrt kann man denken: Wanderer könnten z.B. in Ushgorod, Mukaceve, Lemberg oder Ivano-Frankivsk starten. Ein interessanter Start- und Endpunkt bei Lemberg könnte Stare Sjelo mit seinem imposanten Renaissanceschloß sein; ab dort gibt es auch eine Bahnverbindung nach Lemberg hinein. Die Ungarn haben einen Rundkurs nahe ihrer Grenzen angelegt; diese „kektura“, zu deutsch: Blaue Tour, hat Verbindungen nach Österreich und Rumänien, warum nicht nach der Ukraine? Es gab dorthin historische Beziehungen; Mukaceve heißt bei den Ungarn immer noch Munkacz.

An diesen fast immer unterschiedlichen Benennungen von Orten wird das komplizierte historisches Erbe der Karpaten-Region spürbar. Unseren Zielort Czernivzy nannte die habsburgische Stadtverwaltung; wie es einige Kanaldeckel noch beweisen, Czernowitz. „Чepнiвцi“ steht heute auf den Schildern und Wegweisern und auf einem Bus im Busbahnhof fand ich noch die Bezeichnung Cernauti, wie die Rumänen den Ort bis heute nennen. In deutschen Atlanten aus der Zeit vor 1991, dem Jahr der Unabhängigkeit der Ukraine, war die russische Schreibweise Tschernowzy üblich. Damit läßt sich Neugier und Faszination für das Reiseziel „ukrainische Karpaten“ wecken. Das ist mit einer politisch - historischen Komponente verbunden und darf nicht abschrecken. Es läßt sich bewältigen, aber muß inhaltlich begleitet werden. Für Wien oder Venedig gibt es schließlich auch viele Namen, und jede Griechenlandreise enthält auch die Herausforderung, sich mit einer anderen Schrift herumzuschlagen.

Ich kann da leicht darüber „hinreden“; ich musste in der Schule Russisch lernen, und zumindest die Buchstaben habe ich nicht vergessen. Ich bin dann mit 17 Jahren durch einen „Vorhang“ gegangen, der zu der Zeit noch nicht eisern-undurchlässig war, und später hat es mich immer interessiert zu wissen, wie es noch weiter im Osten aussieht und wie die Menschen dort leben. Ich bin deshalb schon 1992 mit meiner Frau im Auto zu einer langen Erkundungsreise durch die Ukraine aufgebrochen, kannte also schon Städte wie Ushgorod, wo wir diesmal wieder über die Grenze fuhren, oder Tschernowitz und Lemberg.

Als ich Bekannten erzählte, ich wolle nach Tschernowitz, dachten die meisten spontan und schaudernd an Tschernobyl. Der Name, der am ehesten zur Verständnisweckung für das Reiseziel Czernivzy beiträgt, ist Paul Celan. Dieser großartige Wortbild-Erfinder, der sich 1970 in Paris das Leben nahm, wurde hier 1920 als Paul Antschel und Kind einer durchaus wohlhabenden jüdischen Familie, geboren. Damals war die Bukowina, das Umland der Stadt, Teil des Königreiches Rumänien, und Francophonie und Deutschsprachigkeit gehörten zur Selbstverständlichkeit von Gymnasiasten aus Czernowitz. Rose Ausländer ist der zweite in Deutschland bekannte Dichter-Name; ihre Lebensdaten, 1907 in Czernowitz als Rosalie Scherzer geboren und 1988 in Düsseldorf gestorben, markieren ein Schicksal. Beide Künstler stehen für eine nach Westen ausgerichtete übernationale Kultur und beide bedienten sich der deutschen Sprache. Sie beschworen eine Heimatlosigkeit, die die Existenz einer geliebten Heimat voraussetzt. Diese Welt existiert nicht mehr. Es gibt höchstens noch geringe originale Bruchstücke. Als wir nach dem Ende der Wanderung durch Czernivzy spazierten, fanden wir eine unzerstörte, reizvoll um 1850 ausgemalte Synagoge und wurden von dem Rabbi durch das Innere geführt. Andere Synagogen waren umgenutzt worden, z.B. in ein Kino.

Die Menschen in der Ukraine erklären, sie gehörten zu Mitteleuropa, genauer zu Ostmitteleuropa. Zeugnisse für das Dazugehörenwollen zur Mitte Europas gibt es viele. Im Jahr vorher hatten wir die bezeichnende Episode erlebt, daß wir bei einer Verabredung in dem Dorf Ust Tschorna erfuhren, daß die Einwohner sich untereinander in „Wiener Zeit“ und nicht in „Kiewer Zeit“ verständigen. Die fremde Schrift und Sprache täuscht eine Fremdheit vor, die gar nicht so stark ist. Verstärkt wird das durch die strikte „Phonetisierung“ der Fremdwörter, d.h. sie werden geschrieben wie gesprochen. In der Schule wird jetzt am ehesten englisch als Fremdsprache gelehrt. Der „Westen“ mit seiner Warenwelt ist vielfältig präsent. Auf einer Packung im Supermarkt entpuppen sich „Крекер“ als Kräcker und hinter der Reklame für „Нотiцбукi“ stecken Dinger, die wir Notebooks nennen, dort aber als „Notizbücher“ bezeichnet werden. Man könnte also schon noch am Wissen und dem Interesse an deutscher Sprache und Kultur anknüpfen.

Anknüpfen kann man auch an der Habsburgerzeit. Die Karpaten und ihr Umland gehörten damals zwar formell zu unterschiedlichen Landesteilen: zu Galizien, zur Bukowina oder zu Ungarn, aber - ob Liebe oder Haßliebe - damit gehörten sie alle zusammen zu einem großen Kulturraum und teilten das gleiche politische Schicksal. In den Städten wird bis heute das Straßenbild noch stark von den großzügigen öffentlichen Bauten der k. und k. Verwaltung geprägt. Eine frisch vergoldete lateinische Inschrift auf einem Gerichtsgebäude signalisiert ebenfalls Zugehörigkeit zu Mitteleuropa. Oder ein anderes Feld – und möglicherweise für Außenstehende unbekannt: ein erstaunlich großer Teil der orthodoxen Kirchengemeinden ist „uniert“, d.h. feiert die Liturgie nach ostkirchlicher Weise, erkennt aber den Papst als Oberhaupt an. Das wiederum ist ein Stück älteres polnisches Erbe.

Die Ukraine ist uns fern und nah zugleich. Sie wird weniger deutlich als Rußland wahrgenommen. Ukraine heißt übersetzt: „am Rand“, und diese Rand- und Übergangssituation ist spürbar. Vieles kommt uns sehr „russisch“ vor, es ist aber nur „östlich“. Ein Autor, der aus dieser Gegend stammt, Gregor von Rezzori, Sproß einer k. und k. Beamtenfamilie, nannte einen Band mit Begebenheiten aus seiner Jugendwelt „Maghrebinische Geschichten“. Das bedeutete auf liebevoll-ironische Weise, hier ist - oder hier war - der „Westen vom Osten“. Meist sehr viel tragischer sind die Geschichten von Joseph Roth, einem weiteren „Zeitzeugen“ dieser vergangenen Welt. Viele weitere Autoren haben noch die Menschen und Milieus dieser ost-westlichen Welt geschildert. Als Namen und Bücher seien noch genannt Bruno Schulz mit „Die Zimtläden“ (zuerst erschienen 1929; der Schauplatz ist die Kleinstadt Drogobytsch südwestlich von Lemberg) und auf beklemmende Weise Louis Begley „Lügen in Zeiten des Krieges“ (deutsch 1994). Letzterer kam als Ludwig Beglejter 1933 in der galizischen, heute ukrainischen Stadt Striji auf die Welt; er schildert Verfolgung und Überleben aus der Perspektive eines Kindes und wurde schließlich nach einem Wechsel der Identität ein erfolgreicher Anwalt in den USA.

Ich kam mit dem Rucksack auf dem Rücken im Zentrum von Lemberg an, um ein Hotel zu suchen, als ich mich plötzlich im „falschen Film“ wiederfand. Das schöne Theater an der Ringpromenade diente als Kulisse für einen Film. Als HJ-Knaben verkleidete Komparsen zogen vor dem Gebäude auf und ab; Soldaten und Damen gingen in das Gebäude. Die Einwohner von Lemberg fotografierten wie wild. Für mich die immer wieder aktuelle Lektion: In vielen Orten von Europa sind schon mal andere Deutsche vor mir dagewesen.

Was ich bisher an Lektüre aus der Ukraine erwähnte, waren Schilderungen aus Städten – und von Angehörigen einer anderen Ethnie. Wie ist die eigene, die ukrainische Sicht? Was soll und kann von der ukrainischen Identität bewahrt und gestärkt werden? Kann das Projekt „Europäischer Fernwanderweg“ oder „Karpaten-Transversale“ dabei helfen? Ganz naheliegend und eng damit verknüpft ist der Naturschutz.

Gestörte Landschaften sind nicht attraktiv, zumindest nicht für Fernwanderer. Wege dürfen nicht übernutzt werden. Was wir im Gipfelbereich der Hoverla sahen, war unschön. Der jetzige Aufstieg zur Hoverla ist jedenfalls für die Vegetation an einer kritischen Grenze. Uns begleitete diesmal Bernhard Mall, ein Förster aus der Umgebung von Rothenburg o.d.T., der sehr interessiert die Besonderheiten der Karpatenwälder beobachtete. Er charakterisierte sie folgendermaßen: “Die Ukraine ist mit 15,6% Waldanteil eigentlich ein waldarmes Land. Der Waldanteil in Deutschland liegt z. B. mit 30,4% knapp doppelt so hoch. Ein ganz anderes Bild bietet Transkarpatien: Dort sind über 50% der Fläche bewaldet. Diese Wälder bestehen vor allem aus Buche (59%), Fichte (30%), Eiche.(7,5%) und Tanne (2%). Besonders beeindruckend sind mächtige alte Weißtannen. In ihrem Umfeld zeigt sich meist eine üppige Tannennaturverjüngung, so dass abweichend von der überwiegenden bundesdeutschen Realität der Rehwildverbiss keinen entscheidenden Einfluß auf die Waldverjüngung hat. Bedingt durch die besondere Waldgeschichte sind im Transkarpatengebiet die größten Urwälder Europas erhalten geblieben. Sie nehmen eine Fläche von ca. 20 000 Hektar ein.“

Die wirtschaftlichen Probleme der Ukraine führen offenkundig auch zu stärkerer Nutzung und Inanspruchnahme des Waldes. Seit 1998 übersteigt der Holzexport den Holzimport. Im Bereich von Drahobrat und Migovo (Bukowina) wurden Waldflächen in großem Umfang für Skipisten und dazugehörige Infrastruktur in Anspruch genommen. Bedrohliche Erosionsrinnen und Abschwemmungen zeigen die Problematik der großflächigen Freilegung der Böden in Hanglagen. Während des milden Winters 2006/7 war in Migovo der Skibetrieb wohl nur mit erheblichem Einsatz von Schneekanonen aufrecht zu halten. Als sommerliche Zwischennutzung zur Auslastung der Investitionen werden dem Touristen u. a. Panzerfahrten auf den ramponierten Böden angeboten. Auch viele andere Eindrücke bestätigen, dass es wichtig ist, die Bemühungen der Ukraine zur Erhaltung und Mehrung des Waldes und seiner biologischen Vielfalt und zur Verbesserung der Umweltverträglichkeit von Wirtschaftsmaßnahmen zu unterstützen.

Die von uns besuchten Gebirgsabschnitte sind, wie fast alle Gebiete Mitteleuropas nicht mehr „natürlich“, sondern – und das macht ihren Reiz aus – „Kulturlandschaften“. Es waren Bauern, Hirten und andere „Waldnutzer“, die das heutige Erscheinungsbild der Karpaten „gemacht“ haben. Als Schilderung ihrer Welt hatte ich mit viel Vergnügen vor einiger Zeit den Roman von Hnat Chotkewytsch „Räubersommer“ (meine Ausgabe war in 1968 Göttingen erschienen) gelesen. Das war eine Geschichte, die unter den Huzulen, den Bergbauern in den Karpatendörfern und oben auf den Hochweiden spielt. Das Buch ist um 1910 geschrieben worden und hat balladenhafte Züge.

Der Teil der Karpaten, den wir besuchten, war in der Zwischenkriegszeit zwischen der Tschechoslowakei, Rumänien und Polen aufgeteilt, erst nach 1945 kamen die Menschen dort wieder unter ein gemeinsames staatliches Dach, die Sowjetunion. Von dem Leben damals ist wenig als Literatur oder Kunst bis zu uns gedrungen. Was wir an Ort und Stelle sahen, kam mir unecht und aufgesetzt vor. Als unschönes Erbe hat diese Zeit in den Klein- und Mittelstädten maßstabslose Wohnhäuser hinterlassen. Ein „Erbstück“ besonderer Art war die gesprengte Raketenstation, die wir im Vorjahr bei gespenstigem Nebel durchquerten. Wir sprachen mehrmals mit Menschen, die als Soldaten oder Familienangehörige in der DDR waren, es war für sie eine verklärte Zeit.

Innerhalb der imperialen Strukturen der Sowjetunion gab es offensichtlich Freiräume, um regionale Identitäten auszubilden und bewahren zu können. Wie heftig und zugleich widersprüchlich das Ergebnis im Fall der Ukraine ist, kann man aus der Ferne bei den mühsamen Koalitionsbildungen der Jahre seit 1991 erahnen. Ich weiß auch nicht, wie aus gesamtukrainischer Sicht die Karpaten beurteilt werden. Ich kam auf der Rückfahrt in einem Hotel mit Niederländern ins Gespräch, die die Ukraine als lohnendes Ziel zur Produktion von Biorohstoffen durchstreiften. Das klang realistisch, hätte aber gravierende Veränderungen für das Landschaftsbild in den ebenen Teilen des Landes zur Folge. Als einzige Bergregion sind die Karpaten etwas besonderes. Das könnte zu Druck und Nachgiebigkeit bei weiteren Tourismus-Projekten und Landschaftsbeeinträchtigungen führen. Wir hatten tageweise ukrainische Gäste, einen Professor aus Lemberg und seine Studenten, die botanische Beobachtungen machten. Gespräche über Wandern und Landschaftsschutz wurden angefangen, aber nicht vertieft. Eine Strategie sollte schon entwickelt werden; da Fehlentwicklungen vorauszusehen sind: weitere Zersiedlung in den offenen Tälern, wirtschaftliches Unterliegen der Kleinlandwirtschaft, Abwanderung der Jugend.

Wir waren zum Schluss in dem „Touristischen Komplex Migovo“. Stolz stand gleich hinter dem Tor der Anlage, die eine Kosakenfestung imitierte, das sei ein Kypopт, zu deutsch: ein Kurort. Wir schliefen und aßen dort ganz gut, aber ich empfand das als Disney-artig.

Für uns Langsam-Reisende waren in den Dörfern und Kleinstädten die Kirchen unübersehbar. Häufig waren sie verschlossen, aber wir kamen auch sonntags an Dorfkirchen vorbei, die gedrängt voll waren und bei denen noch unter den weiten Vordächern Gottesdienstbesucher saßen. Einmal wurden wir auch Zeugen eines Begräbnisses mit einem langen Zug durch das Dorf. Das läßt auf gelebte Frömmigkeit und noch starke traditionelle Bindungen an die Kirche schließen. Das was wir gewohnt sind, als kirchliche Volkskunst zu bezeichnen, hat zwei Seiten: handwerklich oder manufakturmäßig hergestellte Produkte wie Kruzifixe oder Heiligenbilder und die naiv-echten Gefühle, wie diese Dinge benutzt werden. Gestickte Tücher gehören auf jeden Fall zu den authentischen Elementen.

Als Kurzzeitbesucher erhält man nur bruchstückhaft Einblicke in die sozialen Verhältnisse. Die Gegensätze scheinen krasser zu sein, viele Menschen sind deutlich arm und ihr Dagegen-ankämpfen hat etwas Rührendes oder Hilfloses. Einige Schlaglichter: An den Landstraßen stehen kleine Eimer mit Kartoffeln oder Zwiebeln oder mit ein paar Gladiolen zum Verkauf. In abfahrbereite Busse kommen Männer oder Frauen, die Lutscher oder Süßigkeiten aus Plastiktüten anbieten oder um ein Almosen bitten. Die hohen Maßstäbe der westeuropäischen sozialen Systeme werden anschaulich.

Ich bin dann noch alleine nach Ivano-Frankivsk, einer lebhaften, interessanten Stadt, die bis 1962 Jaroslawl hieß, und nach Lemberg / Lviv weitergereist. Von dort bin ich mit dem Bus über die polnische Grenze nach Przemysl gefahren und anschließend mit dem Zug nach Krakau, von wo mein Billigflieger mich wieder ins Rheinland brachte. Das war alles ziemlich problemlos; aber für mich, wie oben gesagt, auch nicht überwältigend fremd. Ich kann eine Nachahmung empfehlen. Vom Zug aus sah ich zwischen Ivano-Frankivsk und Lviv in die weiten Flußauen des Dnjestr, sah auf Dörfer mit den Zwiebelturmkirchen und dem Federvieh auf den Wiesen, die für uns Bilderbuch-Charakter haben. Für die Ukrainer sind sie (noch) normal. Ich wäre dort gerne gewandert.

Lemberg gehört als Stadttyp zur selben „Liga“ wie Leipzig oder Köln. Es war eine Bürgerstadt, keine Residenz. Vom Bild her ist der Vergleich mit Krakau naheliegend. Faszinierend war für mich das Nebeneinander der Konfessionen. Da die Gottesdienste aller Kirchen gut besucht waren, scheint diese Vielfalt bis heute lebendig zu sein, und – wenigstens äußerlich, wenn man Kleidung als Indikator nimmt - nicht zu sozialen Segregationen geführt zu haben. Ein Detail, das mir auffiel: in den katholischen Kirchen gibt es zahllose große und kleine Grabdenkmäler, aber ich kann mich an keines in einer orthodoxen Kirche erinnern; herrscht dort eine andere Erinnerungskultur?

Das Wort Schengen hat jetzt für die Ukrainer einen bitteren Beigeschmack. Vor ihrer Haustüre verläuft in Kürze – und vielleicht auf lange Zeit - die Grenze von Europa. Der kleine Grenzverkehr soll stark eingeschränkt werden. Die polnischen Zöllner machten an der ukrainischen Grenze gnadenlos Dienst nach Vorschrift und ließen unseren Bus und die Schlange der Privatautos über Stunden warten. Die Visapflicht gilt einseitig nur für die östlich der Grenze lebenden Menschen, nicht für EU-Besucher. Wir im westlichen Europa werden noch viel von der Ukraine hören. Sie liegt vor unserer Haustüre. Die Karpaten mit ihrer reichen Geschichte und ihren geschichtserfahrenen Bewohnern könnten vielleicht im Verhältnis von Mitteleuropa zu Osteuropa eine Brücken-Rolle wie Südtirol übernehmen: verstärkte kulturelle Autonomie, Bewahrung der historischen Identität und zugleich die Rolle von „Gastarbeitern“ in Ost und West übernehmen. Das sind allerdings Themen, die weit über eine Weitwanderwegeplanung hinausgehen.

Zusammenfassend: Die Karpaten sind lohnend, aber vielleicht nicht lockend. Sie sind kein Reiseziel für große Massen, zumindest nicht aus Deutschland, aber Tourismus, Fremdenverkehr oder Urlaub mit Kindern o.ä. ist als Wirtschaftsfaktor wichtig, besonders für Gäste aus dem eigenen Land. Der zu erwartende Wohlstand der Ukraine wird den Druck auf die Bergnatur verstärken. Nutzungskonflikte wegen Fremdenverkehrsinvestitionen sind absehbar. Der von uns angeregte Europäische Fernwanderweg wird mit all diesen Fragen konfrontiert werden, er kann nicht zur Lösung, aber vielleicht zu einer „europäischen Herangehensweise“ der Beantwortung solcher Fragen beitragen.

Was sollte ein ausländischer Wanderer für eine Karpatenwanderung oder eine Reise in die Ukraine „mitbringen“? Er sollte Interesse an kulturellen und politischen Fragen haben und möglichst schon in den Nachbarländern Polen oder Slowakei gewandert sein und wenigstens versuchen wollen, das kyrillische Alphabet zu lernen. Was wird eine Besucherin oder ein Besucher mitnehmen können: Erinnerungen an interessante freundliche Menschen, an schöne Landschaften und Dörfer, an eine Welt im Umbruch, die schon viel europäischer ist, als es z.B. die fremde Schrift erscheinen lässt. Also hinfahren und dort wandern!

Erschienen in der Zeitschrift des Vereins Netzwerk Weitwandern e.V. Wege & Ziele 24 - Dezember 2007



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