Von der Kleinen Fatra bis zur West-Tatra

Berichte
Erstellt am Dienstag, 10. Oktober 2006
Geschrieben von Wolfgang Meluhn

Unterwegs auf Weitwanderwegen in der mittleren Slowakei im Sommer 2006: von Bratislava (Pressburg) nach Liptovský Mikuláš (Liptauer St. Nikolaus).

Freitag, 18.08.06: Heidelberg – Bratislava

„Bärenfamilie hält Dorf in Atem“, so lautete die Überschrift eines Zeitungsberichtes des Mannheimer Morgen am 01. August 2006. Eine Bärin und ihre drei Jungen haben ihre Menschenscheu weitgehend abgelegt und verunsichern seit Wochen ein Dorf nahe der Kleinstadt Martin (St. Martin in der Turz) in der Mittelslowakei. Innerhalb weniger Tage hatten die Bären auf mehreren Bauernhöfen sechs Schafe gerissen. Die Situation erinnerte an den Fall des in Bayern erschossenen Braunbären „Bruno“. Die Zeitungsnachricht stieß in unserer Wandergruppe auf großes Interesse, denn die diesjährige Fortsetzung auf dem E3-Fernwanderweg erfolgte von Martin aus.

Am 18.08.06, spät vormittags, saß der harte Kern der E3-Wanderer, Wolfgang, Klaus, Harald, Eugen und Felix im Intercity von Heidelberg nach Stuttgart. Mit der S-Bahn war kurz vor 13:00 Uhr der Stuttgarter Flughafen erreicht. Mit der Czech-Airlines ging es dann am Nachmittag über Prag nach Bratislava (Pressburg). Eigentlich sollte der Flug mit der SkyEurope erfolgen – zumindest hatten wir Flugtickets dieser Gesellschaft – aber die Fluggesellschaft hatte ohne Vorankündigung den Flugbetrieb nach Bratislava eingestellt.

Samstag, 19.08.06: Bratislava (Pressburg) nach Martin

Eine mehrstündigen Stadtführung durch Bratislava war der Auftakt, wobei wir auch dem meist fotografierten Mann der Stadt einen Besuch abstatteten.

Es ist „Der Gaffer“, der aus einem Gully das Treiben auf der Straße beobachtet. Anschließend fuhren wir mit dem Zug nach Vrútky. Dankbar waren wir über die reservierten Plätze, denn der Zug war mit Fahrgästen überfüllt. Überhaupt sind in der Slowakei Busse und Bahnen in der Regel sehr voll. Viele Leute haben kein Auto und die Fahrpreise sind sehr günstig. In Vrútky wurden wir von einem Mitarbeiter des Hotels Martinské Hole, oberhalb von Martin (St. Martin in der Turz), abgeholt.

Sehr angenehm überrascht waren wir vom Erscheinungsbild des Hotels. Welch ein Kontrast zum Jahr vorher. Es war renoviert und außen und innen neu gestrichen.

Vom fünften Stock aus war eine herrliche Aussicht bei dem schönen Wetter über Fichtenwälder hinweg auf die Berge der Malá Fatra. Niemand verschwendete noch einmal einen Gedanken an die „Sintflut“ vom letzten Jahr, wo Nebel und Regen keine Fernsicht ermöglichten.

Sonntag, 20.08.06: Martinské Hole nach Strečno

„Wahren Genuss von einer Reise hat nur der Fußwanderer“, stellte bereits in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts Karl Baedeker fest. Spaß an der Bewegung und der Reiz des Einfachen – zum Wandern braucht´s gar nicht viel, nur einen Fuß vor den anderen setzen. Verkehrslärm und viel Asphalt nerven uns Wanderer, genauso langes Gehen durch triste Wohnsiedlungen. Beste Wanderbedingungen bietet der Europäische Fernwanderweg E3. Stille, naturbelassene Wege auf Waldboden, Gras oder Erde, schmal, kurvig, abwechslungsreich und mit reichlich Ausblicken.

Gut ausgeschlafen liefen wir zunächst von unserem Hotel (1.250 m) die vom Vorjahr bekannte gelb markierte Asphaltstraße hinauf zum Sender Križava (1.457 m). Zu unserer Freude graste auch wieder die große Kuhherde mit Glocken um den Hals am Wiesenhang. Auf dem Kamm der Lúčanská Malá Fatra (Lutschauer Kleine Fatra), unweit des Gipfels Veľká Lúka (1.476 m), trafen wir dann auf den schmalen Höhenpfad des E3 und folgten seiner roten Markierung. Der Nebel lichtete sich langsam und gelegentlich hatten wir herrliche Aussicht auf die unter uns liegenden Täler, Orte und entfernte Berge. Rispengras, Zwergkiefern, Heidelbeer- und Preiselbeerbüsche prägen die Landschaft. Immer wieder stießen wir an diesem Tag auf Gruppen von Heidelbeersuchern, darunter auch auffallend viele junge Leute. Mit großen Drahtkämmen werden die Beeren von den Sträuchern „gekämmt“. Die Drahtkämme sind in auch in der Slowakei aus Naturschutzgründen verboten.

Über leichtes Gefälle ging es bergab in die Tannen- und Fichtenwaldzone, und danach begann der steile Aufstieg zum Gras bedeckten Minčol (1364 m). Hier machten wir Rast und genossen die grandiose Rundumsicht.

Auf dem Weitermarsch kurz danach besichtigten wir einige Flakgeschütze und Granatwerfer der slowakischen Partisanen aus dem Jahre 1944. Von hier oben aus konnte das strategisch bedeutende obere Waagtal – ein wichtiger Verbindungsweg zwischen Žilina (Sillein) und dem Osten der Slowakei – kontrolliert werden.

Kurz vor dem Sedlo Javorina (967 m) ging es dann sehr steil hinunter, Geröll und Baumwurzeln erschwerten das Wandern zusätzlich. Weiter abwärts war bald darauf der Pass Sedlo Rakytie (703 m) erreicht. Knie und Oberschenkel wurden dann im Schlussabschnitt durch das extreme Gefälle bis zu einer Teerstraße noch einmal stark belastet.

Ein frisches Starobrno-Pivo (Tschechisches Bier) hob jedoch wenig später in einer Gaststätte am Ortseingang von Strečno unsere Stimmung. Bei dem schönen Wetter konnte man im Freien sitzen und auch viele Einheimische waren unterwegs. Übernachtet wurde in der Penzión Irenka, wo wir auf der Terrasse, direkt am Vah (Waag) gelegen, den Abend ausklingen ließen. 1000 m Abstieg hatten wir heute bewältigt, und wir schliefen wie die Murmeltiere.

Montag, 21.08.06: Strečno zur Chata pod Suchým

Dort, wo die Waag sich tief in die Kleine Fatra eingegraben hat, entstand im 14. Jh. hoch über der Flussschleife die Burg Strečno. Sie ist Blickfang und Touristenziel Nr. 1 in dem Ort. Betrachtet man die wehrhafte Burg auf dem steilen Felssporn vom gegenüber liegenden Waagufer aus, sieht man drei sich versetzt nach oben erstreckende Burgbereiche. Im Mittelalter trieben hier Raubritter ihr Unwesen. Im 17. Jahrhundert wurde von der Burg ein Aufstand gegen die Habsburger vorbereitet. Nach dessen Niederschlagung wurde die Burg von kaiserlichen Truppen gesprengt. Sie ist nationales Kulturdenkmal und seit 1993 für die Allgemeinheit zugänglich. Im Inneren befinden sich zwei Museen und allein schon wegen der wunderbaren Aussicht lohnt sich ein Besuch.

Für uns stand heute noch ein besonderes Erlebnis bevor - eine Floßfahrt auf der Váh (Waag). Um 10:00 Uhr morgens fuhren wir mit drei jungen Männern in einem Kleinbus etwa sechs Kilometer flussaufwärts. Dort bestiegen wir ein aus geschälten Fichtenstämmen zusammengezimmertes Floß von etwa 8 m Länge und 4 m Breite. Zusätzlichen Auftrieb erhält das Floß durch angehängte Fässer. Auf hölzernen Sitzbänken ohne Rücken- bzw. Armlehnen nahmen wir Platz. Unsere zwei Begleiter trugen jetzt eine slowakische Flößertracht. Einer übernahm das Steuerruder am Heck, der andere das Ruder am Bug. Nach wenigen Ruderschlägen befanden wir uns in der Mitte der Waag, die hier ungefähr 30 m breit ist. Schwimmwesten hatten wir keine bekommen, denn das Wasser ist jetzt im August je nach Wetterlage nur zwischen 40-60 cm tief. Gefährlich war die Fahrt also nicht. Der Fluss windet sich jedoch durch mehrere Schlingen und in den Kurven, wo das Wasser schneller fließt, gibt es kleinere Stromschnellen. Überschwappendes Wasser und Wasserspritzer, je nach Sitzplatz, sind als Gaudi im Fahrpreis inbegriffen. Auch wir selbst durften kurzzeitig das Ruder übernehmen. Fischreiher lauerten im Uferwasser auf Beute, auch viele Bachstelzen und einen Kormoran konnten wir beobachten. Die mächtigen Felswände rechts und links des Tales zeigten deutlich, wie stark das Wasser im Laufe von Millionen das harte Gestein der Malá Fatra ausgewaschen hatte. Wie ein Schwalbennest am steilen Berg wirkte die „Starý hrad“ (Alte Burg). Im 13. Jh. war sie Zentrum eines Herrengutes. Durch Umsiedlung des Geschlechts im 16. Jh. verfiel die Burg allmählich. Im Schlussteil der Floßfahrt wurde noch einmal die beherrschende Lage der Burg von Strečno deutlich.

Mit den Rucksäcken marschierten wir wenig später über die Fußgängerbrücke. Unter uns sahen wir Forellen im Wasser der Váh (Waag). Sie ist mit ca. 400 km Länge der längste Fluss der Slowakei und mündet bei Komárno (Komorn) im Süden des Landes in die Dunaj (Donau). Zügig schritten wir voran, denn es stand ein Aufstieg von 320 m auf 1.075 m bevor. Rechts rauschte die Waag, links wechselten sich Kartoffel-, Bohnen-, Erbsen-, Rüben- und Kleefelder ab. Unter zwei Eisenbahnbrücken ging es hindurch und dann recht bald steil einen engen Hangweg hinauf. Einen atemberaubenden Ausblick auf das Waagtal hatten wir von der Starý hrad (Alte Burg). Heute morgen genossen wir die Aussicht direkt tief unter uns vom Floß aus nach oben, jetzt nach unten. Beim weiteren sehr steilen Aufstieg blieb uns die gute Sicht noch eine Weile erhalten, allerdings floss jetzt auch der Schweiß in Strömen. Nach einer Pause an einer Wegkreuzung fing es an zu regnen, 15 Minuten später sahen wir jedoch bereits durch die Bäume vor uns oben am Bergabhang unser Tagesziel – die Hütte Chata pod Suchým (1.080 m). Wir erfrischten uns an kühlem Quellwasser aus einem hölzernen Rohr und ließen noch einmal den Blick in die Täler und auf die Fatra-Berge schweifen.

Die Landschaft steht seit 1988 unter Naturschutz und ist mit 226 km2 als Národný park Malá Fatra (Nationalpark Kleine Fatra) eingestuft. Um 21:00 Uhr wurde ein Dieselmotor angeworfen, der bis um 22:00 Uhr Strom für die Beleuchtung lieferte. Pünktlich um 22:00 Uhr geht das Licht aus. Im Dunkeln nachts die Holztreppe hinunter und den Flur entlang zum WC war ein hervorragendes Training, um alle Sinne zu schärfen. Sehr interessant sind die menschlichen Begegnungen auf Berghütten, die aufgrund der Enge der Räumlichkeiten zwangsläufig zustande kommen. Am Spätnachmittag kamen wir mit einer Wiener ÖAV-Wandergruppe ins Gespräch. Auch die Österreicher sind, wie wir, von der Fatra begeistert und öfters hier unterwegs. Die Hüttenwirtin teilte uns mit, sie habe schon öfters Braunbären aus der Ferne gesehen. In den harten Wintern seien auch schon Bärenspuren direkt an der Hütte im Schnee gesehen worden. Gestern sei in den Nachrichten gekommen, ein Braunbär habe einen 63-jährigen Wanderer ganz in der Nähe bei Ružomberok angegriffen und getötet.

Dienstag, 22.08.06: Chata pod Suchým zur Chata Vrátna

Eine Traumstrecke!

Für uns der Höhepunkt der gesamten Sommerwanderung. Der Aufstieg zum höchsten Gipfel der Kleinen Fatra, dem Veľký Kriváñ (1.709 m), bietet höchsten Wandergenuss. Eier und Speck, unser Lieblingsfrühstück, und dazu war uns auch noch Petrus hold. Bei diesen idealen Ausgangsbedingungen waren wir nicht die Einzigen, die kurz nach 09:00 Uhr von der Berghütte aus aufbrachen. Im Eingangsflur, wo die Wanderschuhe aller Übernachtungsgäste in Regalen standen, herrschte rege Betriebsamkeit. Zunächst schritten wir an einem Grashang eines Skiliftes mit sehr starker Steigung hinauf. Kleine An- und Abstiege wechselten sich jetzt ab. Plötzlich war der Wald zu Ende und wir standen vor einer mächtigen sandigen Felswand. In Serpentinen ging es dann im Gänsemarsch hinauf zum Sedlo Vráta (1.462 m). Hinter uns sah man die Veľká lúka mit dem Sender Krížava und die Einschnitte des Waagtals, vor uns den Malý Kriváñ und den Veľký Kriváñ.

Der E3-Fernwanderweg verläuft hier oben direkt auf dem Kamm der Berge mit phantastischem Ausblick rundum, ein Wandertraum wird wahr. Durch Zwergkiefern führte uns jetzt ein Felsenpfad hoch zum Malý Kriváñ (1.671 m). An der Nordwand (links vom E3) befinden sich fast senkrecht abfallende Lawinenhänge. Oben gönnten wir uns eine kleine Ruhepause und genossen das zauberhafte Panorama, das umliegende Gebiet aus der Vogelperspektive. Wunderschön und gut überschaubar ist auch der Blick auf den weiteren Kammweg des E3 hinüber zum nur 38 m höheren Veľký Kriváñ. Auch zahlreiche andere Wandergruppen waren zwischen dem Kleinen und Großen Kriváñ unterwegs.

Im Indianermarsch wanderten wir weiter auf dem Grat des Berghanges entlang. Kleinere Felsgruppen mussten durchklettert werden. Nach einem kleinen Abstieg machten wir im Schutz von einigen Felsblöcken auf der Wind abgewandten Bergseite in einer Wiese Mittagspause. Gut ausgeruht und tatendurstig traten wir dann zum Endspurt über einen lang gestreckten Steilhang hinauf zum höchsten Berg der Fatra an. Ab einer Wegkreuzung, von der aus man die Bergstation der Seilbahn sah, gesellten sich auch viele Ausflügler zu uns. Eine wahre Völkerwanderung war an diesem Tag zum Gipfel unterwegs.

Die Hänge des Veľký Kriváñ bedecken großteils Wiesen, stellenweise auch Knieholz. Von den Aussichtsgipfeln können ein großer Teil der Nordslowakei und selbst die höchsten Bergspitzen Nordmährens (Altvater, Schneekoppe) bewundert werden.

Beim zehnminütigen Abstieg zur Seilbahnbergstation fing es langsam an zu regnen. Auf der Fahrt nach unten schüttete es dann aus allen Kübeln. Glücklicherweise befand sich die Chata Vrátna, unser Hotel, direkt an der Talstation. Die Dusche war gewöhnungsbedürftig und auch nachts im Dunkeln zum WC zu tappen, hatten wir glücklicherweise bereits auf der Berghütte am Tag zuvor geübt. Am nächsten Morgen fand Klaus die Ursache. Ein Hauptstromschalter hätte vorher im Flur eingeschaltet werden müssen.

Mittwoch, 23.08.06: Chata Vrátna nach Štefanová

Es gibt nicht nur einen „schmutzigen Donnerstag“, auch ein Mittwoch kann richtig schmutzig sein. Heftige Regenschauer klatschten an die moderne Seilbahngondel, als wir morgens bei 8° C von der Chata Vrátna (750 m) wieder hinauf zur Bergstation (1.490 m) fuhren. Da wir die einzigen Fahrgäste waren – bei diesem schlechten Wetter kein Wunder – hatten wir schon befürchtet, die Bergbahn sei eventuell heute nicht in Betrieb. Jetzt bewährten sich unsere Gamaschen und die speziellen Regenponchos. Gestern herrschte noch beste Fernsicht, heute betrug die Sichtweite jedoch nur noch etwa 10 m. Nebel wohin man auch blickte. Hinzu kam ein starker Wind, der immer wieder neue Regenwolken und Nebelschwaden mitbrachte. Nach wenigen Schritten erreichten wir den Pass Snilovské sedlo (1.524 m). Der Große Kriváň rechts hinter uns ließ sich in der Nebelwand nur erahnen. Wir bogen nach links ab (nach Osten) in den rot markierten E3-Kammpfad, auf dem Stangenmarkierungen die Orientierung erleichtern. Durch Knieholz (Krüppelkiefern), größere Felsgebilde und Gras ging es im Wechsel hinauf zum Gipfel des Chleb (1.646 m). An steilen Lawinenhängen vorbei wurden nicht lange danach die Felsspitzen des Hromové (1.636 m) erreicht. Ganz kurz rissen jetzt die Nebelwände auf das Tal hin etwas auf und wir sahen den Ort Štefanová (625 m) und etwas oberhalb davon unser Etappenziel – das Hotel „Boboty“. Auf dem steinigen Felsenpfad hinunter zur Wegekreuzung Poludňový grúň (1.460 m) begegneten uns im dichten Nebel zwei schlecht ausgerüstete junge Männer. Am Stohové sedlo (1.230 m) endete der steinige felsige Wanderpfad und jetzt, am Fuße des Stoh (1.608 m), war das Gelände schlammig und damit sehr rutschig. Wenigstens löste sich jetzt weiter unten langsam der Nebel auf, es gab aber immer wieder Regenschauer.

Mal rechts, mal links von dem morastigen Hangpfad hangelten wir uns rutschend in Serpentinen von Busch zu Busch aufwärts. Unangenehme Erinnerungen an letztes Jahr – an den Aufstieg zum Veľká Lúka - wurden wach. Der weiche Boden hatte das viele Regenwasser aufgesaugt wie ein Schwamm. Nach ca. 15 Minuten zweigte links ein ganz schmaler Weg zum sedlo Medziholie (1.185 m) ab. Um die Rutschpartie zu beenden, beschlossen wir den Gipfel des Stoh auszulassen und der Abzeigung zu folgen. Wir kamen aber vom Regen in die Traufe. Das viele Regenwasser konnte auf dem schmalen Pfad quer zum Berg nicht ablaufen. Riesige Pfützen, Schlammlöcher und viele Baumwurzeln machten das Gehen sehr unangenehm. Weitsprünge und große Schritte halfen kaum. Links vom Weg ging es steil nach unten und rechts steil nach oben. Bald waren unsere Schuhe, Gamaschen und Hosen mit Dreck und Schlamm völlig verschmutzt. Größere glitschige Felsplatten mussten überquert werden. Nach etwa einer Stunde hatten wir den Sattel Medziholie erreicht. Der Regen hörte nun wieder einmal auf und ein breiter Weg führte uns, wenn auch größtenteils auf rutschigem Gras, rasch bergabwärts.

Bald sahen wir hinter uns die mächtigen Felswände des Veľký Rozsutec (1.610 m). Gerade als ein starker Regenschauer die Schleusen des Himmels wieder öffnete, erreichten wir ein Gasthaus am Ortsrand von Štefanová. Ein frisches Bier hob sofort unsere Stimmung. Schnell war der kleine Ort durchquert und über einen Wiesenhang das große Hotel Boboty erreicht. Zu unserer großen Freude fanden wir vor dem Hotel an einem großen Steintrog einen Wasserhahn mit Schlauch und zwei grobe Bürsten, somit konnten wir einigermaßen sauber das ***-Hotel betreten. Fünf Stunden waren wir heute gewandert. Die warme Dusche weckte schnell wieder unsere Lebensgeister und bestens gelaunt genossen wir dann den grandiosen Blick vom Balkon des Zimmers auf Štefanová und die dem Hotel gegenüberliegenden Berge. Stoh, Hromové, Chleb und Veľký Kriváñ grüßten.

Donnerstag, 24.08.06: Štefanová nach Zázrivá

Štefanová ist der ideale Ausgangspunkt für Touren zum Rozsutec. Dieses Gebiet ist ein nationales Naturreservat. Geschützt wird ein Landschaftskomplex mit Schluchten, Wasserfällen, Felswänden und Klippen. Im Reservat findet man zahlreiche Tier- und Pflanzenarten, darunter mehrere Endemiten. Zum Reservat gehört auch das Klammsystem Diery, das aus zwei geschlossenen Teilen besteht: Dolné diery und Horné diery.

Sonnenstrahlen weckten uns im Hotel Boboty, herrliches Wanderwetter. Die Felsenklamm Horné diery war heute eines unserer Tagesziele. Fast zeitgleich startete mit uns vom Hotel eine 15-köpfige deutsche Touristengruppe von Wikinger-Reisen.

Zunächst marschierten wir im Indianermarsch einen steilen Anstieg im Wald hinauf. Dann ging es am Waldrand auf Bergwiesen weiter Wir genossen noch einmal den Blick auf Štefanová und unser Übernachtungshotel. Von 600 m im Tal bis hinauf zum 1.709 m hohen Veľký Kriváñ schweifte der Blick über das Bergmassiv. Nach einem kleinen Abstieg besichtigten wir auf einer Wiese eine offene Holzhütte. Im Inneren befinden sich eine Feuerstelle und Holzbänke. Weiter abwärts erreichten wir dann hinter der Hütte eines Wandervereins den Einstieg in die Klamm. Der Wildbach führte um diese Jahreszeit nicht viel Wasser, etwa 10 cm. Kaskadenartig bahnt er sich seinen Weg durch das Massiv des Rozsutec. Geologisch besteht das Gestein aus Granit, kristallinem Schiefer (Gneise), Kalkstein und Dolomiten. Glitzern verriet auch öfters einen gewissen Erzgehalt. Die steilen Felsen rechts und links, teilweise überhängend, sind im Hinblick auf Steinschlag nicht ganz ungefährlich. Zweimal kamen kleinere Steine herunter. Ein Helm kann deshalb sehr hilfreich sein. Der Aufstieg mit Hilfe von Ketten und Stahlseilen über bis zu 15 m lange Leitern erforderte Kraft und Schwindelfreiheit. Auf glitschigen schrägen Felsvorsprüngen mussten wir langsam nacheinander empor klettern und der Blick nach unten sorgte automatisch für größte Vorsicht.

Außer den „Wikingern“ waren auch noch zahlreiche andere Touristen unterwegs. Vor den langen Leitern bildeten sich Schlangen, denn sie wurden in der Regel nur von einer Person betreten. Aufsehen erregte die slowakische Bergführerin der „Wikinger“. Sie hatte „Muskelpakete“ an den Beinen und Armen wie Baumstämme und hätte in jedem Bodybuilding-Wettbewerb vordere Plätze belegt. Die kühle Luft, das Rauschen des Baches, die Wildheit und Urwüchsigkeit der Klamm erzeugt beim Besucher ein Glücksgefühl. Hinzu kam das Gemeinschaftserlebnis und die Erfahrung, stark genug zu sein, auch schwierigere Kletterstrecken zu bewältigen. Fast zwei Stunden dauerte der Anstieg in der Felsenschlucht und war einer der Höhepunkt der gesamten Sommerwanderung. Im oberen Teil erreichten wir dann eine große Bergwiese unterhalb des sedlo Medzirozsutce (1.200 m) am Fuße des Malý Rozsutec (1.343 m) und des mächtigen Veľký Rozsutec (1.610 m). Ein idealer Platz für eine Mittagsrast bei traumhaftem Sonnenschein. Auch viele andere Bergwanderer u. a. die „Wikinger“ legten sich in die Sonne und genossen das herrliche Bergpanorama.

Zu unserer Überraschung erreichte bald auch eine Gruppe mit zwei Hunden die Bergwiese, und zwar wie wir über die Leitern durch die enge Klamm. Wir nahmen zunächst an, dass die Hunde getragen worden waren, dabei handelt es sich um speziell ausgebildete Rettungshunde, die die Leitern aus eigener Kraft bewältigt hatten. Eine halbe Stunde ging es dann einen breiten Höhenweg entlang, auf dem wir auf die E3 -Streckenmarkierung trafen. Die gute Aussicht blieb uns noch eine ganze Weile erhalten. Bergblumen wie Enzian und verschiedene Distelarten, u. a. die Silberdistel, standen in voller Blüte und lockten Schmetterlinge und Hummeln an. Bald mündete das rote E3-Wanderzeichen rechts in einen schmalen, teilweise zugewachsenen Pfad ein. Wir kamen an zwei etwa 50 Jahre alten Buchen vorbei, bei denen sämtliche Blätter an der Oberseite Gallen aufwiesen.

Kurz danach führte der E3 einen rutschigen, sehr steil abfallenden bewaldeten Berghang hinunter. Eigentlich für Fernwanderer ein unzumutbarer nicht ungefährlicher Abstieg. Selbst Eugen, der mit seinen Wanderstöcken den Abhang bravourös und schnell meisterte, fand sich einmal auf dem Hosenboden wieder. Im Zick-Zack-Kurs von Busch zu Busch, von Baum zu Baum – mittlerweile haben wir darin schon Erfahrung – rutschten wir eine halbe Stunde abwärts. Über Wiesen mit schönem Fernblick (sedlo Príslop nad Bielou 810 m) ging es anschließend weiter.

In einem Waldstück begegneten wir Pilzsammlern, eine Mutter mit ihrem Sohn und ihrem Vater. Die Frau sprach sehr gut deutsch und sagte, 2006 sei ein sehr gutes Pilzjahr. Sommersteinpilz, Maronen, Butter- und Birkenpilz, Hexenröhrling und Pfifferling wüchsen sehr zahlreich. Sie seien oft im Wald auf der Suche nach Beeren und Pilzen. Sie selbst und ihr Vater hätten sogar schon einmal in diesem Gebiet einen Bären gesehen.

Bald war der Wald zu Ende und über eine Kreuzung erreichten wir das Dorf Zázrivá am Rande der Malá Fatra. Der Ort ist noch sehr bäuerlich geprägt: Ziegen, Hühner, Enten, Gänse und ein kleines Sägewerk waren zu sehen. Alte slowakische Holzhäuser mit blühenden Bauerngärten, besonders Ringelblumen und Klee, boten einen idyllischen Anblick. Apfel-, Birn- und Pflaumenbäume trugen reichlich Früchte. In einer Gaststätte direkt an der Ortstraße genossen wir eine Erfrischung und konnten dem dörflichen Leben zuschauen. Bürgersteige gibt es keine. Zwei Betrunkene, kamen jeweils innerhalb von 15 Minuten auf der Straße stark schwankend vorbei, besorgten sich neuen Stoff und überquerten die Straße geradezu lebensgefährlich. Alkoholismus scheint in dieser Region der Slowakei ein großes Problem zu sein. Die Inhaberin des Hotels Veľká Havrania holte uns dann mit dem Auto ab. Das Berghotel Veľká Havrania ist ca. 5 km von Zázrivá entfernt und liegt oberhalb eines Tals.

Zuerst mussten wir uns einmal an der schönen Aussicht satt sehen. Nach dem guten Abendessen unterhielten wir uns noch etwas mit dem deutsch sprechenden Inhaber. Der Jungunternehmer umwirbt besonders deutsche Gäste. Durch die EU-Mitgliedschaft der Slowakei sieht er eine erhebliche wirtschaftliche Stärkung der einheimischen Gastronomie.

Freitag, 25.08.06: Zázrivá nach Dolný Kubín (Unterkubin)

Bei einem kurzen Rundgang frühmorgens unterhalb des Hotels fühlte ich mich an eine längst vergangene Zeit erinnert. Vor einem Holzhaus im alten slowakischen Baustil graste eine Kuh, die an einem Pfahl angebunden war. Eine alte Frau mit Kopftuch, ganz in Schwarz gekleidet, hackte Holz. Hühner suchten nahe am Haus nach Futter. An einer Schnur auf der Wiese war Wäsche aufgehängt. Der große Holzstoß vor dem Haus ließ erahnen, welche langen und strengen Winter in dieser Gegen herrschen.

Bei bedecktem Himmel, aber trocken, fuhr uns nach dem Frühstück wieder die Inhaberin des Hotels zurück in die Ortsmitte von Zázrivá. Rasch waren wir am Ortsrand und es ging auf einer asphaltierten Straße aufwärts. Eine riesige Halle, ein Stall, offensichtlich von einer ehemaligen LPG, war leer. Eine halbe Stunde weiter oben hörte der geteerte Weg auf und es wurde im lichten Tannen- und Fichtenwald sowie auf Wiesen weiter gewandert. Glockenklang machte uns auf eine sehr große grasende Rinderherde aufmerksam. Ein älterer, wettergegerbter Hirte mit einem Hund bewachte die Tiere. Er erlaubte uns ein Bild von ihm zu machen. Seine Herde machte einen gut genährten und sauberen Eindruck und war wohl in dem großen Stall weiter unten untergebracht.

Etwas später fanden wir die Knochen eines Hirschbeines. Hatte hier ein Bär einen Hirsch gerissen? An der Abzweigung Hlásna skalka (928 m) machten wir eine kurze Pause, denn jetzt stand der steile Anstieg zum Minčol (1.396 m) bevor. Von Zázrivá (600 m) aus hatten wir dann knapp 800 m Aufstieg bewältigt. Im dichten Fichtenwald führte der Weitwanderweg E3 nun einen schmalen Pfad hinauf. Nach einer Stunde war das größte Stück der Steigung bewältigt und wir erreichten schweißgebadet den Gipfel. Hier liefen wir bequem durch Heidelbeerbüsche und auf Wiesenterrain weiter. Sendeanlagen und ein Skilift waren zu sehen. Eine gute Fernsicht belohnte uns für den anstrengenden Aufstieg.

Vom Berg Minčol aus verläuft der europäischen Fernwanderweg E3 nordöstlich zur polnischen Grenze und umrundet anschließend die Vysoké Tatry (Hohe Tatra) nördlich. Wir haben am Minčol den E3-Weg verlassen und werden erst wieder am Dukla-Pass auf ihn treffen.

Dolný Kubín (468 m), unser Tagesziel, war weit unten in der Ferne zu erkennen. Insofern mussten wir noch über 900 m lang hinunter marschieren. Leichter Regen setzte jetzt ein und es wurde unangenehm windig. Etwa 3 km abwärts befand sich jedoch die normalerweise bewirtschaftete „Chata na Kubínskej holi“ und wir freuten uns schon auf ein warmes Essen. Als wir ankamen, renovierten Handwerker gerade Räume in einem Anbau. Man gab uns zu verstehen, die Hütte sei geschlossen.

Sehr enttäuscht mussten wir wieder Schusters Rappen satteln und gerade jetzt regnete es auch noch stärker. Hinzu kam der schwer begehbare Pfad, der dicht mit Brombeerranken überwuchert war. Der Brombeerstrauch kann Waldgebiete sogar undurchdringlich machen und nur seine Früchte sind bei Wanderern begehrt. Dreimal hing ich im Dornengestrüpp fest und musste wieder zurück, um wieder neu vorwärts zu kommen. Endlich erreichten wir eine Teerstraße, die aber bei uns auch keine Wertschätzung genießt. Durch Wiesen und Felder – immer auf Asphalt – gelangten wir dann, am Schluss wieder im strömenden Regen, zum City Hotel Park in Dolný Kubín. Die Stadt hat 20.000 Einwohner und liegt am Fluss Orava, der nach 112 km in Kraľovany in die Váh (Waag) mündet.

Dolný Kubín ist auch der Lebens- und Sterbeort des berühmten slowakischen Dichters Pavol Országh (1849-1921), der unter dem Pseudonym Hviezdoslav schrieb (was so viel heißt wie, die Sterne rühmend). Sein umfangreiches Werk enthält auch Übersetzungen von Goethe, Schiller und Shakespeare. Er selbst ist für Lyrik, realistische Dramen und Versepen aus dem slowakischen Volksleben bekannt. Sein berühmtestes Werk ist der 1884 erschienene Roman „Hájnikova žena“ („Des Hegers Weib“). Erzählt wird das Schicksal eines jungen Waldhegers und seiner Frau Hanka aus den Karpaten. Ihr Glück wird durch einen zudringlichen Gutsbesitzersohn zerstört. Leider ist die Literatur Hviezdoslavs noch nicht ins Deutsche übersetzt.

Samstag, 26.08.06: Dolný Kubín (Unterkubin) nach Veľké Borové

Petrus war uns hold an diesem Tag. Kurz nach acht Uhr marschierten wir wieder über die Orava. Im Fluss standen jeweils etwa 100 m versetzt Fliegenfischer mit langen Angelschnüren. Vorne befindet sich eine Fliegenattrappe und damit kein lebender Köder. Auch von der Brücke aus konnten wir im seichten Wasser Fische beobachten. Mit dem Bus fuhren wir dann etwa 30 Minuten die Orava entlang nach Oravský Podzámok. Dort war die Oravský hrad (Arwaburg) unser Ziel. Sie ist eine der Hauptattraktionen der gesamten Region, ist auf einem steilen Felsen oberhalb des Dörfchens und des Flusses errichtet und bietet einen imposanten Anblick (siehe Titelseite).

Erbaut wurde sie als Grenzfestung zwischen den Königreichen Ungarn und Polen im 13. Jh. Im Mondschein bietet sie einen Grusel erregenden Anblick, für Draculafilme der ideale Ort. 1921 wurde hier der Film „Nosferatu“ von Fritz Murnau und auch 1979 das Remake von Werner Herzog mit dem Schauspieler Klaus Kinsky hier gedreht.

Der Besucher benötigt gute Kondition, um die verschiedenen Terrassen zu erklimmen, auf denen die Burg im Laufe der Jahrhunderte errichtet wurde. Von der Romanik über die Renaissance bis zur Neugotik sind verschiedene Baustile erkennbar, je nachdem in welcher Zeit gerade gebaut wurde. Drei junge Leute, in einer alten slowakischen Volkstracht gekleidet, holten unsere Besuchergruppe am Eingangstor der Burg ab. Leider war die Führung nur auf Slowakisch. Durch drei Burgtore gelangten wir in den Haupthof. Wunderschöne Räume wie z.B. die erste Burggalerie, der gemütliche rote Salon sowie der Jägersalon mit vielen Geweihen und Schnitzereien erwarteten uns. Im Korvinus-Palast bewunderten wir den Ritter- und Wappensaal. Gemälde der Adelsherren, z.B. Esterhazy, Wappen der Adelsgeschlechter, kostbare Schränke, Betten, Kachelöfen, Trachtenkleider und Waffen vermittelten einen guten Einblick in das Leben der ehemaligen Burgbewohner. Die Folterkammer, ein Gefängnis und die Zitadelle gehörten zu den ältesten Teilen der Burg. Ganz oben auf der letzten Terrasse befinden sich eine Afrikaausstellung der Massai und ein Kinderland mit Zauberin, Gnomen und Märchengestalten. Die Ausstellung über die Massai scheint uns in dieser Burg weniger sinnvoll.

Viel besser gefiel uns, dass zwei junge Mädchen in einem Wohnturm Flöte und Geige so perfekt spielten, dass alle Besucher andächtige lauschten.

Erobert wurde die Burg nie. Ein Brand vernichtete jedoch im Jahre 1800 alle Holzteile der mittleren und unteren Burg. Nach der Erneuerung und Restaurierung der Burg von 1953-68 wurde sie für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Jährlich locken heute verschiedene kulturelle Veranstaltungen wie z.B. Konzerte, Handwerkermärkte und eine Gespensternacht zahlreiche Besucher an.

Nach der Besichtigung der Burg und einem Mittagessen fuhren wir wieder mit dem Bus nach Dolný Kubin zurück und danach zu dem höher gelegenen Ort Malatiná. Die Busse waren wie immer sehr voll, Teilstrecken mussten wir sogar stehen.

Von Malatiná aus wanderten wir dann einen wunderschönen Höhenweg entlang. Das sonnige Wetter ermöglichte eine traumhafte Aussicht auf die vor uns liegenden Berge der West-Tatra, hinter uns waren Kriváň, Chleb und Stoh zu erkennen. Felder, Wiesen und Fichtenwälder wechselten sich ab. Erika und Wacholder wuchsen am Wegesrand. Eine große Schafherde überquerte vor uns mit klingenden Glöckchen den Weg. Ein Hund oder ein Schäfer war weit und breit nicht zu sehen.

Durch einen dichten Fichtenwald mit vielen Fliegenpilzen erreichten wir danach eine große Bergwiese, von wo aus wiederum beste Fernsicht herrschte. Unten im Tal grüßte uns das kleine Dorf Veľké Borové . Es ist ein Hufendorf. Die meisten Häuser stehen rechts und links der Ortsstraße. Ungefähr zwei Kilometer zieht sich der Ort hin. Mehrere Hunde kündigten unsere Ankunft an. Hühner mit einem Hahn befanden sich auf der Dorfstraße. Die Zeit scheint hier still zu stehen. Ein alter Mann trug einen Korb mit Gras in einen Stall. Auch in Veľké Borové stehen viele alte slowakische Holzhäuser. Die Häuser sind nicht mit Ziegeln, sondern mit Schindeln oder Blech gedeckt. Nur ein einziges Auto überholte uns bis zum Ortsende, wo wir in der Penzión Borovec Quartier bezogen.

Sonntag, 27.08.06: Schluchtenwanderung rund um Veľké Borové

Heute stand eine zweifache Schluchtendurchquerung bevor.

Bei herrlichem Sonnenschein wanderten wir zunächst über Wiesengelände leicht aufwärts bis zur Wegkreuzung Kubín (1.000 m). Das schöne Wetter lockte an diesem Tag auch viele Einheimische in die Natur, u. a. waren viele Familien mit Kindern unterwegs. Etwa 400 m Abstieg mussten jetzt von uns durch die Prosiecka dolina, eine Felsenschlucht, bewältigt werden. Rechts und links befinden sich hohe Steilfelsen, die teilweise bedrohlich wirken. Über eiserne Leitern, an Ketten und Stahlseilen kraxelten wir das Gefälle eines Trockenbachs hinunter. Überall lagen Felsbrocken unterschiedlicher Größe herum. Sie bestehen aus sehr hartem Kalk- und Dolomitgestein. Von kleinen Felsplattformen hatte man gelegentlich einen guten Ausblick auf die Felsengipfel oben und auf den weiteren Schluchtenverlauf nach unten. Nach etwa 30 Minuten begleitete uns ein munter rauschender Bach, der aus einer Karstquelle unter einem hohen Felsen entspringt. Mehrfach musste er auf kleinen Steinen überquert werden. Am Ende der Schlucht wurden die Besucher auch auf Deutsch an Hinweisschildern über die Entstehung der Felsenschlucht informiert. Weiter ging es dann links am Waldrand eine sandige Wiese hinauf. Einer Vielzahl von Käfern, Heuschrecken, Grillen, Schmetterlingen und Eidechsen bot sich hier ein idealer Lebensraum. Viele Hecken bildeten wiederum beste Lebensbedingungen für Vögel, u. a. sah ich Zaunkönige und sogar einen Neuntöter.

Glockenklang aus der Ferne in den Wiesen machte uns auf grasende Kühe aufmerksam. Etwas unterhalb einer Anhöhe machten wir unsere geliebte Mittagspause und erfreuten uns an der schönen Fernsicht auf die West-Tatra und auf zwei kleine Dörfer im Tal unter uns.Weiter abwärts ereichten wir nach dem Überqueren eines Bergbachs auf einem schmalen Baumstamm einen Parkplatz an einer Teerstraße, die vom Ort Kvačany 610 m herführte. Mit Bussen und Pkw waren viele Ausflügler angereist, um die breite, bewaldete Schlucht Kvačianska dolina mit dem Gebirgsbach zu besichtigen. Ein breiter, gut begehbarer Waldweg führte uns zügig weiter, teilweise steil aufwärts. Zahlreiche Ausflugsgruppen kamen uns entgegen oder wurden von uns überholt. Immer tiefer verschwand links unten der rauschende Bach. Am Wegesrand konnte man sich über die hier lebende Flora und Fauna anhand von Schildern informieren. Hirsche, Wildschweine und Orchideen kommen vor. Für Braunbären, soll es das ideale Biotop sein.

Über einen abwärts führenden Pfad marschierten wir dann hinunter zum Wasser und erreichten dort die hölzerne Wassermühle „Oblazy“. Einige Holzschuppen und -ställe sowie das alte Mühlengebäude stehen hier. Eine Gattersäge, die von Wasser angetrieben wurde, weckte unser Interesse. Einige junge Leute haben sich im Wohnraum der Mühle häuslich eingerichtet. Getränke gab es jedoch keine zu kaufen. Attraktion für die jungen Besucher waren zwei große weiße Ziegen, die mehrfach auf einem schmalen Brett den Bach überquerten. Zwanzig Minuten später hatten wir wieder etwas aufwärts unsere Pension vom Vortag in Veľké Borové (893 m) erreicht. Hier lernten wir dann Siegfried Wagner und seine Bekannte Tatjana kennen. Sie sprechen sehr gut deutsch, waren an diesem Tag Pilze suchen gewesen und hatten einen großen Korb voll mit Sommersteinpilzen, Ziegenlippen und Maronen gesammelt. Spontan lud uns Siegfried zu sich abends nach Hause ein. Er besitzt in Bratislava eine Mietwohnung und arbeitete dort als Musiklehrer bis zur Rente. Vor vielen Jahren hat er sich ein altes Holzhaus in Veľké Borové gekauft und es sich mit Hilfe von Freunden schön hergerichtet. In Siegfrieds Haus lernten wir herzliche slowakische Gastfreundschaft kennen. Zunächst zeigte uns der Hausherr die Räumlichkeiten und dann wurden wir ins Wohnzimmer gebeten. Bei selbst gemachtem Heidelbeerwein wurde es ein gemütlicher Abend. Als Spezialität servierte man uns die frisch gesammelten Steinpilze, die ausgezeichnet schmeckten.

Als Höhepunkt des Besuchs spielte uns der Gastgeber etwas auf der slowakischen Hirtenflöte, der Fujara, vor. Das Instrument ist etwa 180 cm lang und hat am oberen Ende - dem Kopf – ein etwa 40 cm langes Verlängerungsstück. Der Klangkörper der Flöte wird in der Regel aus jungem Holunderholz gefertigt und ist mit traditionellen Ornamenten der slowakischen Kultur verziert. Im unteren Drittel des Klangkörpers sind drei Löcher. Die Flöte wird auf der Naturtonleiter gespielt. Je nach Blasstärke verändert sich die Höhe des Tons. Der schwermütige Klang weist auf das harte Leben der Hirten im Gebirge hin.

Montag, 28.08.06: Veľké Borové nach Zuberec (West-Tatra)

Auch heute erwartete uns blauer Himmel und Sonnenschein. Beim Frühstück lachte uns wieder eine größere Menge Würstchen an und so gestärkt wanderten wir zunächst die Ortsstraße entlang zu Siegfried. Auch Siegfrieds berühmter Heidelbeerlikör machte wieder die Runde, wurde von uns diesmal jedoch nur vorsichtig genossen, da uns die Wirkung bekannt war. Zum Abschied spielte Siegfried noch einmal auf der Fujara. Beim Weitermarsch auf einer Bergwiese hinauf hörten wir noch eine ganze Weile den schwermütigen fremdartigen Ton des Instruments.

Von einer Anhöhe aus bot sich ein herrlicher Rundblick über das Dorf und die umliegenden Berge. Eine große Schafherde weidete am gegenüber liegenden Berghang. Vereinzelt sah man auch Kühe. Die großflächigen Bergwiesen sind für Viehherden der ideale Standort.

Ohne Kunstdünger und Pestizide haben hier auch noch selten gewordene Pflanzen wie Enzian, Herbstzeitlose, Kuhschelle und Disteln eine Überlebenschance. Auch einen roten Milan konnten wir bei seinem Suchflug nach Beute beobachten. Im Jahr 2000 wurde er vom Naturschutzbund Deutschlands zum Vogel des Jahres gewählt, da sein Bestand gefährdet ist.

Weiter liefen wir dann eine längere Strecke einen breiten Höhenweg entlang, bevor es sehr steil im dichten Fichtenwald zum Kopec (1.251 m) hinauf ging. Von hier aus schritten wir etwa eine Stunde im Wald leicht abwärts weiter bis zur Abzweigung Prieková (1.165 m). Hier am Waldrand ist eine ausgezeichnete Fernsicht auf die West-Tatraberge, wo die polnische Grenze verläuft und wo sich nicht weit weg der berühmte polnische Wintersportort Zakopane befindet. Spontan beschlossen wir auf einem Stapel von Baumstämmen Mittagspause zu machen. Ganz weit unten im Tal sahen wir auch schon unser Tagesziel, das Dorf Zuberec. Gut erholt traten wir dann die Schlussetappe über eine abschüssige Kuhweide an. Dunkle Regenwolken tauchten jetzt am Himmel über dem Tatramassiv auf und wir befürchteten schon, unser Hotel nicht mehr trocken zu erreichen. Doch Petrus war uns heute hold und der Himmel öffnete seine Schleusen erst später. Kurz hinter dem Ortseingang von Zuberec erwartete uns eine Überraschung. Aus dem Lautsprecher eines Andenkenladens erscholl die Melodie des Liedes „Wo die Nordseewellen schlagen an den Strand…“ Gesungen wurde es auf Slowakisch.

Kurz darauf erreichten wir unsere Übernachtungspension „Antares“. Kaum hatten wir die Haustür geschlossen, fing es draußen fürchterlich an zu regnen. Auch der Wetterbericht verhieß für den nächsten Tag nichts Gutes. Deshalb war es fraglich, ob wir am nächsten Tag die geplante sechsstündige hochalpine Tour auf den Sivý vrch 1.805 m Höhe durchführen könnten. Als Alternative kam bei Regenwetter der Besuch des Museumsdorfs Ora-vskej dediny in Frage.

Dienstag 29.08.06: Zuberec nach Liptovský Mikuláš (Liptauer St. Nikolaus)

Die Wetterfrösche behielten recht! Es regnete den ganzen Tag über, teilweise auch sehr heftig. Die Höhentour zum Sivý vrch 1.805 m, musste also leider ausfallen. Nach dem Frühstück wanderten wir im strömenden Regen auf einem kleinen Waldweg parallel zur Fahrstraße in das 3 km entfernte Museumsdorf Oravskej dediny. Hier befinden sich etwa 30 charakteristische Bauernhaustypen der Oravaregion. Sie stammen aus dem 17.-, 18.- und 19. Jh. und sind in einem malerischen Bergwaldgelände aufgebaut. Glockenturm, Kirche, Imkerei, Schmiede, Schule, Töpferei, Stallungen, Wohnungen, Mühle mit Mühlrad, alles war aus Holz. Auch die landwirtschaftlichen Geräte, Werkzeuge, Behälter, Teller und Löffel bestehen aus diesem Material.

Reiche Bauernhäuser wechseln sich mit Gebäuden von sozial schwächer gestellten Personen, z.B. Knechten, ab. Die Wände und Decken bildeten quer aufeinander genagelte Balken. Die Ritzen zwischen den Balken wurden mit Moos, Reisig und Erde abgedichtet. Im Mittelpunkt der Wohnungen stand immer eine Feuerstelle, jedoch ohne Kamin. Der Rauch wurde aus der Wohnung in den Speicher geleitet und dort sogar zum Räuchern von Fleisch verwendet. Die Dächer der Häuser sind geschindelt. Kleine Fenster und niedrige Türen waren die Regel. Hölzerne Nägel am Eingang sollten Glück bringen. In einigen Ställen waren Pferde und Ziegen untergebracht. Gänse liefen auf den Wegen am Bach entlang. Auch die Leinenherstellung aus Flachs wird anschaulich in einer Holzscheune dargestellt.

Trotz der Idylle erhält der Besucher einen tiefen Einblick in das dörfliche Leben in früherer Zeit. Es war ein schweres und auf die Existenzbedürfnisse ausgerichtetes Leben, das besonders im Winter sehr entbehrungsreich war. Touristen können heute in verschiedenen Souvenirläden Keramik, Holzartikel und Textilien aus Leinen erwerben. Der heiße Tee in einem kleinen Café tat uns bei dem Schmuddelwetter besonders gut.

Nach der Rückwanderung in die Pension Antares erlebten wir wieder eine Überraschung. Ein älteres gelbes Postauto der deutschen Bundespost fuhr vor. Es war unser Taxifahrer. Die Fahrt mit dem Taxi führte an dem großen Stausee Liptovská Mara vorbei. Ausflugsboote waren auf dem Wasser und Campingplätze am Ufer zu sehen. Ziel war das Horský Hotel Mních (Berghotel Mönch). Es ist ein Zwei-Sterne-Hotel, ungefähr 5 km außerhalb von Liptovský Mikuláš (Liptauer St. Nikolaus). Innerhalb und außerhalb des Hotels stehen mehrere Mönchsfiguren, die an einen nahen Felsen erinnern. Für mich war es das beste Hotel auf der gesamten Sommerwanderstrecke 2006. Besonders die Küche ist ausgezeichnet.

Unsere Sommertour 2007 über die Hohe Tatra, dem Nationalpark Pieniny, der Zipser Region werden wir hier am Hotel Hotel Mních, am Anfang der Tatranská magistrála, beginnen.

Erschienen in der Zeitschrift des Vereins Netzwerk Weitwandern e.V. Wege & Ziele 23 - August 2007



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