Kopernikusweg - Wander-Erfahrungen in Nordostpolen

Berichte
Erstellt am Sonntag, 28. August 2005
Geschrieben von Dr. Lutz Heidemann

Unterwegs auf dem Kopernikusweg in Polen: Die ersten Etappen noch identisch mit dem Europäischen Fernwanderweg E11, später benutzt der Kopernikusweg ab Braniewo (Braunberg) den wenige Kilometer östlich an der russisch-polnischen Grenze bei Kaliningrad (Königsberg - oder polnisch: Krolewco) beginnenden - oder endenden E9. In Elblag (Elbing) kann sich der Wanderer entscheiden, ob er mit der Fähre über das Haff fahren und von dort nach Gdansk (Danzig) und weiter - letztlich bis zur deutsch-polnischen Grenze bei Swinoujscie (Swinemünde) auf Usedom - wandern will.

Im August 2004 sind meine Frau und ich fast zwei Wochen in Nordostpolen gewandert. Unser Ausgangspunkt war die Stadt Olsztyn, die bis 1945 Allenstein hieß. Zwölf Tage wanderten wir auf dem Kopernikusweg, der hier seinen Start- und Endpunkt hat. Der berühmte Astronom lebte mehrere Jahre in Allenstein; in der Burg wird eine Wand gezeigt, wo Meridiane für Gestirnsbeobachtungen aufgemalt worden sind. Sein Onkel Lukas von Watzenrode war Bischof des Ermlandes, und der junge Kleriker befaßte sich deshalb außer mit Mathematik und Himmelsbeobachtungen auch mit so profanen Dingen wie der Verwaltung eines größeren Territoriums. Von Allenstein geht der Weg anfangs nach Norden über Orte, die früher Guttstadt, Heilsberg, Mehlsack und Braunsberg hießen, und geht bis zum Frischen Haff an der Weichselmündung. Unvergeßlich wird uns der Blick von unserem Hotel in Frombork (früher Frauenburg) auf den türmereichen Dom bleiben, in dem 1543 Kopernikus begraben wurde.

Waren die ersten Etappen noch identisch mit dem Europäischen Fernwanderweg E11, so benutzte der Kopernikusweg ab Braniewo (Braunberg) den wenige Kilometer östlich an der russisch-polnischen Grenze bei Kaliningrad (Königsberg - oder polnisch: Krolewco) beginnenden - oder endenden E9. In Elblag (Elbing) kann sich der Wanderer entscheiden, ob er mit der Fähre über das Haff fahren und von dort nach Gdansk (Danzig) und weiter- letztlich bis zur deutsch-polnischen Grenze bei Swinoujscie (Swinemünde) auf Usedom -wandern will.

Wir blieben auf dem Kopernikusweg: Über Malbork (Marienburg) mit der großartigen früheren Residenz der Hochmeister des Deutschen Ritterordens wanderten wir im Weichseltal bis Kwidzyn, in preußischer Zeit Sitz des Regierungspräsidenten Marienwerder und noch früher der Bischöfe von Pomesanien. Wir sind ab Kwidzyn noch einen Tag dem Napoleonweg in Richtung Osten gefolgt und dann mit der Bahn, die in Polen noch ein dichtes Netz hat, zurück nach Allenstein zu unserem Auto gefahren.

Der Kopernikusweg geht über Grudziadz (Graudenz) weiter bis Torun (Thorn), wo Kopernikus 1473 geboren wurde. Die weiß-rot-weiße Markierung war in der Regel sehr gut und offensichtlich immer wieder gepflegt worden. Einmal registrierten wir, daß in jüngster Zeit auch ein Stück der Trasse über ein attraktiveres Zwischenziel verlegt worden war.

Die durchquerte Landschaft war vielseitig, Wälder und landwirtschaftliche Nutzflächen wechselten häufig. Die Eiszeit hatte ein kleingewelltes Land hinterlassen. Es gab auf dem ersten Abschnitt viele kleine Seen. Wir empfanden die Landschaft sowohl vertraut wie eben um die charakteristische Spur anders, fremder und weniger vom Menschen verändert, die ein Fernwanderer schätzt, um in Spannung zu bleiben. Hinter Elbing änderte sich die Landschaft. Dort war früher sumpfiges Flußdelta gewesen. Größere Teile liegen unter Meeresniveau. Spätestens seit dem 18. Jahrhundert wurde es kultiviert. Wir wanderten anfangs auf kleinen Straßen oder Feldwegen, kamen dann zur Nogat, einem alten Weichselarm, und wanderten dann über einen pfadlosen Deich entlang des ruhig fließenden Flusses, auf der anderen Seite sahen wir große Erntemaschinen in den goldgelben Feldern. Hinter der Marienburg gab es wieder ein Hochufer. Unser Weg ging teils über sandige Waldwege, teils durch fruchtbares Schwemmland. In der Ferne lag die Ordensburg Gniew (Mewe) wie ein massiver Ziegelblock an der Hangkante. Auf der Rückfahrt mit dem Auto machten wir dort Station und schliefen in dem Hotel, das in dem benachbarten früheren polnischem Königsschloß untergebracht ist.

Ist Mittelpolen ein attraktives Wanderland? Ich könnte die Alternative konstruieren: Wandern in der Toskana oder in Polen? Die Antwort müßte lauten: In beiden europäischen Regionen sollten wir wandern. Deutschland ist mit Polen so eng verbunden wie mit Italien, eher noch stärker, wenn wir Nordostpolen durch die Namen Ostpreußen und Westpreußen ersetzen. Wandern ist eine Chance, ein Land gut kennenzulernen, und ein unpolitischer Besuch Polens ist meines Erachtens nicht möglich. Die Geschichte der Deutschen im Gebiet des heutigen Polen hat viele Aspekte. Begriffe wie Ordensburg sind „be-lastet“ durch Geschichte und spätere ideologische Verwendungen. Solche „geistige Verminungen“ sollen uns Deutsche nicht an einem Besuch hindern. Die Burgen an Rhein und Mosel, an denen wir uns jetzt relativ unbefangen erfreuen, sind auch nicht von den Rittern und ihren Familienangehörigen erbaut worden.

So sehr uns die Landschaft gefiel, wobei wir schon wissen, daß ein großer Teil des Reizes in der noch nicht vorgenommenen „Modernisierung“ der Agrarwirtschaft beruht, so sehr erschreckte waren wir über das Bild vieler Städte. Der Zustand von 1960 hatte sich verfestigt. Historische Stadtkerne waren mehrmals Grünanlagen mit ein paar übriggebliebenen Gründerzeitbauten und wiederaufgebauten gotischen Pfarrkirchen. Zu fühlen waren die furchtbaren Kriegszerstörungen. Die sind in westdeutschen Städten restlos getilgt. Dort könnte man glauben, daß der Zweite Weltkrieg nicht stattgefunden hat. Um so mehr haben wir uns an erhaltenen und wiederhergestellten Bauwerken gefreut.So sehr uns die Landschaft gefiel, wobei wir schon wissen, daß ein großer Teil des Reizes in der noch nicht vorgenommenen „Modernisierung“ der Agrarwirtschaft beruht, so sehr erschreckte waren wir über das Bild vieler Städte. Der Zustand von 1960 hatte sich verfestigt. Historische Stadtkerne waren mehrmals Grünanlagen mit ein paar übriggebliebenen Gründerzeitbauten und wiederaufgebauten gotischen Pfarrkirchen. Zu fühlen waren die furchtbaren Kriegszerstörungen. Die sind in westdeutschen Städten restlos getilgt. Dort könnte man glauben, daß der Zweite Weltkrieg nicht stattgefunden hat. Um so mehr haben wir uns an erhaltenen und wiederhergestellten Bauwerken gefreut.

Wir sind überwiegend im Ermland gewandert. Das war eine gute Basis für die Einstimmung auf die komplizierte Geschichte Ostpreußens. Das Ermland war ursprünglich ein selbstständiges Bistum, es gehörte nicht zum Ordensland und kam erst mit einer der polnischen Teilungen an Preußen. Kirchengeschichte und Nationalgeschichte sind in Polen bis heute eng verzahnt. Unterwegs war uns der DuMont-Kunstreiseführer „Polen – Reisen zwischen Ostseeküste und Karpaten, Oder und Bug“ von Tomasz Torbus (Köln 2002) eine kluge Hilfe. Wieder zu Hause lasen wir das Ostpreußen-Buch von Ralph Giordano „Ostpreußen ade - Reise durch ein melancholisches Land“ (Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 1994). Es ist die Reportage von einem Nicht-Ostpreußen, der aber gleich am Anfang des Buches seine Faszination für Land und Leute dort bekennt und in vielen Einzelschicksalen und Beobachtungen die Vergangenheit und Gegenwart verlebendigt

Solche Bemerkungen sollen nicht vom Wandern in Polen abhalten. Wir empfanden den Kopernikusweg als guten Einstieg, Mittelpolen kennenzulernen. So viel bunte Wiesen oder Felder mit Kornblumen gibt es in Deutschland nicht mehr. Das Gleiche könnte man über Störche sagen. Häufig traten sie paarweise auf.

Einmal beobachteten wir 18 Störche auf einem Fleck. Ein anderes Mal sahen und hörten wir über längere Zeit einen Schwarm von etwa 800 Staren, der über uns auf dem weiten Himmel kreiste. Außer dem Kopernikusweg gibt es noch andere längere und kürzere markierte Strecken. Die Gegend um die masurischen Seen könnte manchem attraktiver vorkommen. Andererseits sind dort auch schon Phänomene von Massentourismus zu beobachten. Auf dem Kopernikusweg sind Wanderer mit ziemlicher Garantie allein.

Wenn wir durch die Ortschaften gingen, wurden wir in unserer Fremdartigkeit angestaunt, aber wenn wir Hilfe brauchten, wurde uns die sehr bereitwillig gewährt. Es gibt eine Sprachschwelle. Wir hatten Probleme die geschriebenen Worte zu artikulieren oder uns die Worte mit ihren Konsonantenhäufungen zu merken, aber für den Wanderer gelingen im täglichen Umgang die Verständigungen mit gestenreichen Improvisationen, mit englischen oder deutschen Begriffen oder mit Hilfe des Wörterbuches. Die Tages-Etappen des Kopernikusweges waren mehrmals zu lang. Wir mußten ein Fahrzeug finden, das uns in den nächsten größeren Ort brachte. Taxis sind noch preiswert, mehrfach halfen uns Privatleute

Überlegungen zur Planung einer Reise durch Polen können mit Ängsten und Unsicherheitsgefühlen verbunden sein. Es gibt Berichte von Autoaufbrüchen, aber die gibt es auch von Süditalien. Es existiert ein soziales bzw. Wohlstandsgefälle zu Westeuropa, aber es ist deutlich geringer geworden. Wir erlebten ein Polen im Umbruch, vielleicht besser im Aufbruch. Der Prozeß der Modernisierung und Anpassung an westeuropäische Standards geschieht schon seit 1990. Für den Wanderer durch die kleinen Orte finden sich viele Zeichen von Privatinitiative, z.B. kleine Verkaufsstellen, wir würden „Trinkhallen“ sagen, oder auch von Restaurants und neugegründeten Hotels, Pensionen und Zimmervermietern. Man sollte deshalb in Etappenorten in den Straßen nicht nur nach Hotel-Schildern suchen, auch auf das Wort „Pokoje" achten.

Natürlich gibt es auch die Unarten einer beginnenden Wohlstandsgesellschaft, z.B. weggeworfene Plastikflaschen. Da konnten wir dem in Deutschland von Herrn Trittin initiierten Dosenpfand-Rigorismus nur recht geben. Bei der Wirtschaft war es ein Start von einem tiefen Niveau. Inzwischen wurde viel erreicht, Zeichen der „sozialistischen“ Vergangenheit, d.h. Bilder, Parolen o.ä. sind fast völlig verschwunden, aber das Erbe in Gestalt von Plattenbauten ist unübersehbar; aber das ist in jeder ostdeutschen Stadt genau so. Man kann das als Modernisierungsschub und Verbesserung der Lebensverhältnisse gegenüber dem Wohnen in den einfachen Häusern auf dem Dorf sehen, wenn die Zuzügler in die Städte in den Jahren um 1960 Wohnblocks mit fließendem Wasser und Zentralheizung erhielten. Dann gab es aber keine Nachfolge-Investitionen mehr.

Wer weitere Informationen über den Kopernikusweg wünscht, kann eine deutsche Wegebeschreibung erhalten, die vom Ermländisch-Masurischen Fremdenverkehrsamt herausgegeben und von mir überarbeitet und aktualisiert wurde. Hinsichtlich weiterer Informationen zu diesem Teil Polens sei auf die beispielhafte vom Fremdenverkehrsamt Olsztyn herausgegebene Internet-Übersicht verwiesen. (vgl. den Abschnitt Polen in Wege und Ziele Ausgabe 15 - Dezember 2004 bei den „Ländersplittern“, Seite 33). vFotos: Bettina Heidemann

Erschienen in der Zeitschrift des Vereins Netzwerk Weitwandern e.V. Wege & Ziele 18 - Dezember 2005



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