Tour des Glaciers de la Vanoise

Berichte
Erstellt am Dienstag, 01. Januar 2013
Geschrieben von Friedhelm Arning

Vom 14. bis 28. Juli 2010 haben wir zu Dritt die Tour des Glaciers de la Vanoise begangen. Diese Weitwanderung ist im deutschsprachigen Raum noch nicht sehr bekannt, obwohl sie es verdiente, dass sich das schleunigst ändert.

Zunächst einige Fakten: Es handelt sich um eine Rundtour um eines der letzten großen Gletscherplateaus der Alpen im Kern des Vanoise-Massivs. Eispickel und Steigeisen sind aber nicht erforderlich, um auf dieser Tour die gesamte Palette glazialer Phänomene bestaunen zu können wie Moränen, Gletscherseen und Trogtäler sowie Hänge-, Tal- und Plateaugletscher - aber wer weiß, wie lange noch. Auch Fauna und Flora sind besonders artenreich. Seit 1963 ist das Gebiet Nationalpark, davon mehr als 50 km² vergletschert. Allerdings gab es 1964, als Grenoble die olympischen Winterspiele bekam, einen Konflikt um die Nationalparkgrenzen und einige Teile, u.a. der Gipfel der Grande Motte wurden ausgegliedert, um Skistationen errichten zu können. Die Amputation weiterer Regionen konnte durch massiven Protest verhindert werden und so wurde die L’Affaire de la Vanoise zu einem Symbol der französischen Umweltbewegung.

Die Tour des Glaciers führt in 8-9 Etappen über etwas mehr als 100 km von Hütte zu Hütte. Ein einziges Mal wird mit Pralognan ein Talort erreicht. Man kann an verschiedenen Stellen in die Runde einsteigen. Will man mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen, empfiehlt sich Termignon als Ausgangspunkt, das von Modane aus sehr gut mehrmals täglich mit dem Bus erreichbar ist (nach Modane gelangt man von München aus mit dem Zug bei einmaligem Umsteigen in Mailand – wer den TGV benutzen will, sollte die Fahrkarten am besten schon von zu Hause aus buchen). Wer etwas mehr Zeit hat, kann auch per Pedes anmarschieren, z.B. von Tignes aus in11/2 Tagesetappen. Uns hat der kleine und handliche Führer „Tour des Glaciers de la Vanoise“ von Sabine Bade und Wolfram Mikuteit, Verlag fernwege.de gute Dienste geleistet.

Eine kleine Zeitungsnotiz hatte Anfang vorigen Jahres meine Neugierde auf das Vanoise-Massiv geweckt und nach intensiverer Befassung stand fest, das diesjährige alpine Unternehmen sollte die Tour des Glaciers werden. Mein Sohn und einer seiner Freunde waren auch sofort Feuer und Flammen und so machten wir uns dann am 14. Juli von Bremen aus auf den Weg. Da wir zwei Wochen Zeit hatten, entscheiden wir uns für einen Anmarsch per Pedes vom Aostatal aus. Das bedeutete: 7:00 Uhr Abflug mit Billigflieger von Bremen nach Bergamo, Zugfahrt von Mailand nach Aosta und von dort Busfahrt  zu unserem Startpunkt Cerellaz, wo wir gegen 17:00 Uhr ankommen.

Die erste Etappe am nächsten Tag ist eine Hitzeschlacht, aber glücklicherweise kann man unterwegs immer mal wieder die Wasserflaschen auffüllen. Dennoch sind wir froh, als wir in Valgrisenche auf der Veranda unseres Hotels bei einem kühlen Bier den Anbruch der Nacht genießen können. 

Valgrisenche liegt am Fuße einer riesigen Staumauer – hoffentlich hält die -, an deren Flanke wir am nächsten Tag aufsteigen. Langsam wird das Gelände hochalpin und vor dem Col du Mont, mit 2636 m der höchste Punkt dieser Etappe, sind unschwierig die ersten Schneefelder zu queren. Am Pass sind noch verrostete Überbleibsel des 1. Weltkrieges zu finden, die von dem grausigen Stellungskrieg künden, der an dieser Frontlinie stattgefunden hat. Das Refuge L’Archeboc erreichen wir gerade noch bevor ein Gewitter losbricht, im Schutz der Hütte dann ein grandioses Naturschauspiel.

Nachdem wir am nächsten Morgen schon eine gute Weile von der Hütte los sind, stellen wir fest, dass wir den falschen Abzweig erwischt haben. Laut Karte müsste es aber weiter unten noch ein Steiglein geben, das uns wieder auf den rechten Weg führen könnte. Nach einiger Zeit finden wir auch einen verwitterten Wegweiser, der in die richtige Richtung zu zeigen scheint. Wir vertrauen ihm und haben Glück, dass wir nach einem heftigen Anstieg wieder auf die richtige Route gelangen. Bis Tignes 1800 geht alles glatt, nur in dieser Wintersportretorte eine Übernachtungsmöglichkeit und ein Abendessen zu finden, gestaltet sich schwieriger als gedacht. Aber auch dies gelingt, bevor das nächste Gewitter heranzieht. 

Die folgende Etappe führt erst einmal durch das Skigebiet von Tignes, was Wanderer in der Regel nicht unbedingt zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Aber eine solche Infrastruktur kann auch ihr Gutes haben: Hatte doch an einem Sonntag die Apotheke in Lac de Tignes geöffnet, um das Notwendige zur Behandlung einer Riesenblase, die ich mir inzwischen gelaufen hatte, erstehen zu können. Sobald man mit dem Lift den Gipfel des Tovière erreicht hat wird die Aussicht aber grandios. Auf einem Panoramaweg bis zum Col de la Fresse begleitet uns der Blick auf das Mont-Blanc-Massiv und nach dem Col de Leisse geht es durch eine typische Gletscherlandschaft mit etlichen Seen und am Refuge de la Leisse gibt’s beim Sonnenuntergang die ersten Ausblick auf unser eigentliches Ziel, das Vanoise.

Nach zweistündiger Wanderzeit durch ein eiszeitliches Trogtal, neugierig von vielen Murmeltieren beäugt, erreichen wir dann bei einer Steinbrücke aus dem 12. Jhdt., über die schon im Mittelalter Salz bis ins Piemont transportiert wurde, den Einstieg in die Tour des Glaciers. Steil aber noch muligeeignet geht es empor bis sich die beiden höchsten Gipfel des Vanoise – Grande Casse und Grande Motte – ins Blickfeld schieben. Auch hier oben finden sich wieder Bunkerreste der Alpen-Maginotlinie. Vom Refuge du Col de la Vanoise könnte man, bequem vor der Hütte sitzend, stundenlang die Gletscherregionen der Grande Casse im wechselnden Licht beobachten. Wir steigen aber z.T. auf Steinplatten mitten durch einen See noch ab nach Pralognan, einem nicht sonderlich interessanten Ort, den man auch über eine Variante über das Refuge de laValette umgehen kann.

Durch das von Alpwirtschaft geprägte Vallon de Chavière geht es dann auf einer breiten Schotterpiste zusammen mit vielen Tagesausflüglern an zahlreichen Gletscherzungen vorbei immer aufwärts bis zum Refuge de Peclet-Polset – eine moderne aber durchaus gemütliche Hütte nach den neusten ökologischen Standards. Für Nutella-Freaks ist diese Hütte ein Eldorado.

Die nächste Etappe zum Refuge de l’Orgère ist sehr attraktiv und da sie relativ kurz ist, kann man sich auch viel  Zeit zum Genießen lassen. Auf dem Col de Chavière wird mit 2796 m der höchste Punkte der Rundtour erreicht und es bietet sich ein phänomenales Panorama, an klaren Tagen bis zum Mont Blanc, Ecrains und Monte Viso. Während des Aufstiegs muss man am Dorf der Steinmännchen mit bauen. Vom Refuge de l’Orgère aus bietet sich noch ein Spaziergang auf einem Lehrpfad an, auf dem man etwas über Geologie, Fauna und Flora der Gegend erfahren kann – sofern man ihn denn findet.

Weiter geht es dann nach kurzem, heftigem Anstieg verhältnismäßig geruhsam auf einem Balkonweg auf 2000 m Höhe über dem Arc-Tal bis die Stauseen von Plan d’Aval, Plan d’Amont und Mont Cenis unter uns auftauchen, Teil eines gigantischen Stromerzeugungsprojektes mit 4 Wasserkraftwerken. Hinunter geht’s zum Plan d’Aval, von wo uns jetzt die mächtige schwarze Felsbastion des 3700 m hohen Dent Parrachée  bis zur gleichnamigen Hütte begleiten wird. Das Refuge ist sehr sehr urig; wer allerding auf etwas sanitären Komfort Wert legt, kann auch eine der anderen in der Nähe liegenden Hütten ansteuern.

Gegen Morgen fängt es an zu regnen und es hat zugezogen – Sichtweite gefühlte 50 cm. Besserung wird auch nicht versprochen und die reine Gehzeit ist mit knapp 8 Stunden angegeben. Angesichts dieser Perspektive entschließen wir uns zum Abstieg nach Aussois und der Aussicht auf eine Unterkunft, die ein Durchtrocknen erlaubt. Glücklicherweise findet sich nach 4-stündigem Regenmarsch auch eine solche; außerdem ist Aussois auch ein hübscher Ort, wenn auch hier und da wintersportgeschädigt, wie wir dann am späten Nachmittag, als sich doch noch zaghaft die Sonne sehen lässt, bemerken können.

Die letzte Etappe, die uns eigentlich vom Refuge de l’Arpont zum Refuge d‘Entre Deux Eaux geführt hätte ist das landschaftliche Highlite der Tour des Glaciers. Das wollen wir natürlich nicht verpassen. Also was tun? Rasch ist ein Plan gefasst: Mit dem Taxi nach Termignon, von dort mit einem regulär verkehrenden Kleinbus zum Refuge d‘Entre Deux Eaux und dann die Etappe umgekehrt zum Refuge de l’Arpont unter die Füße genommen. Das klappt alles wunderbar und so kommen wir doch noch in den Genuss eines atemberaubend schönen Wandertages. Das gestrige Tief hat allerdings die Temperaturen zunächst in Gefrierpunktnähe sinken lassen. Also müssen erst mal Wollmütze und Handschuhe aus den untersten Regionen des Rucksackes hervorgekramt werden. Aber im Laufe des Tages wird es wieder wärmer und so geht es denn ständig an Seen, vergletscherten Hängen und imposanten Felsmassiven vorbei zur letzten Hütte. Auch eine Begegnung mit Steinböcken darf auf dieser Etappe nicht fehlen. Am Abend sind wir uns einig: Der logistische Aufwand, um diese Etappe auf jeden Fall noch zu machen,  hat sich mehr als gelohnt.

Am nächsten Tag steigen wir dann nach Termignon ab, fahren mit dem Bus nach Modane und von dort mit dem Zug nach Mailand und weiter nach Bergamo. Wer noch einen Tag Zeit hat, sollte sich, so wie wir, diese wunderschöne lombardische Stadt etwas genauer anschauen.

Erschienen in "Wege und Ziele" Zeitschrift des Vereins Netzwerk Weitwandern e.V. Wege & Ziele 37 - April 2012



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