Mit den Augen der Eifel

Berichte
Erstellt am Mittwoch, 01. Dezember 2004
Geschrieben von Tilman Kleinheins

 

Auf dem Karl-Kaufmann-Weg vom Ahrtal an die Mosel

Zuerst Zahlen und Fakten: 16 Hauptwanderwege, 4 Regionalwanderwege, 4 Fernwanderwege und 1 Weitwanderweg durchziehen laut offiziellem Führer, 38. Auflage, die Eifel. Viele Tausende markierte Kilometer Wandern. Das Wanderkartenwerk des Eifelvereins umfasst 40 Blätter im Meßtischmaßstab und 7 Blätter der 2 cm – Karten. Höchste Erhebung: Hohe Acht mit 747 m N.N., gelegen in der Hohen Eifel. Im Norden begrenzt von der Linie Bonn – Euskirchen – Aachen, im Osten und im Süden nasse Grenzen mit Rhein und Mosel. Nach Westen sind der Fortsetzung des Naturraums Eifel nur menschliche Grenzen gesetzt, an sich sind Hohes Venn und Luxemburger Land Bestandteil der gleichen erdgeschichtlichen Entwicklung.

Nach den Fakten die Frage: wie kommt unsereins auf die Idee, ausgerechnet in einer ganz bestimmten Region wandern zu wollen und nicht in einer ganz anderen. Durch welche Einflüsse reift meist binnen Wochen und Monaten der Entschluß, wird konkreter, äußert sich schließlich im Kauf von Wanderkarten und Führern ? Bis plötzlich die Idee einer Streckentour klar vor dem inneren Auge liegt. Daß die Impulse vielfältig sind, ist klar, in meinem Fall waren es die bekannten Eifelkrimis von Berndorf, die mich neugierig auf die Region machten.

Der HWW 2, Karl – Kaufmann – Weg, Brühl – Trier, 183 km

Genug geschwärmt, wo geht´s los ? Ahrweiler (Betonung auf der ersten Silbe) im Ahrtal, nördlichstes Rotweinanbaugebiet Deutschlands, bequem von Hamburg via Nachtzug nach Köln, über Remagen und den Ahrtalexpress erreichbar. Morgens um 9:00 Uhr starte ich in den ersten Wandertag, der leider zum Großteil verregnet ist, aber dennoch herrliche Eindrücke vermittelt: wunderbare Tiefblicke ins tief eingeschnittene Ahrtal samt seinen Winzerorten und steilen Rebhängen, südwestlich am Horizont zu erkennen die „Hohe Acht“, davor bewaldete Hügelketten, die ihre Farbe vom nahen grün ins ferne blau wechseln. Tiefhängende Wolken und Nebelfetzen ziehen aus den Tälern auf. Die Markierung von Anfang an zwar äußerst vielfältig (manche Bäume gleichen Kommunikationszentren), aber stets gut und zuverlässig. Eines sei vorweggenommen: rund 60 % des gesamten Weges verlief auf Hartbelägen aller Art. Mit Interesse habe ich deshalb gelesen, dass auch der Eifel – Verein im Rahmen des Projektes „Wanderbares Deutschland“ sein Wegenetz überprüft. Nur posititv, wenn tatsächlich hier und da Streckenverlegungen stattfinden (Meulenwald !) und Wegewarte wie Vereinsfunktionäre der Einmischung von außen offen begegnen. Es kann eigentlich nur n o c h besser werden, als es schon ist, denn: tatsächlich keine andere Mittelgebirgstour hat mich bisher so begeistert.

Alle kleine Schumachers

Woran´s lag? In erster Linie natürlich an der Vielfalt der durchwanderten Landschaftsformen. Und davon bietet der Karl – Kaufmann – Weg jede Menge. Bereits im offiziellen Eifelführer von 1911 behaupten die Verfasser, der sogenannte Eifelhöhenweg sei „die schönste [Wanderung] in der Eifel.“ Nach dem Ahrtal Richtung Süden in die Hocheifel, die mich mit gefrierpunktnahen Zeltnächten überrascht. Herrliche Fernblicke ringsum und bis hinüber ins Siebengebirge vom Kaiser-Wilhelm-Turm auf der Hohen Acht (747 m), zehn Kilometer später kompletter Szenenwechsel: der Nürburgring, oder kurz, wie der Eifeler sagt, „der Ring“. Wirtschaftsfaktor Nr.1 in der fast ausschließlich agrarisch geprägten Region, es dreht sich einfach alles um ihn. Als ich dort vorbeikomme auch auf ihm, denn es ist Familientag. VaterMutterKind im Astra Kombi schleichen über den legendenumwobenen Asphalt, während jede Menge Hobby – Röhrls das Letzte aus ihren Motoren herausholen. Haarsträubende Überholmanöver und schlimme Unfälle sind die Folge. Kein Zufall ist auch die traurige Spitzenposition des Landkreises Ahrweiler, der alljährlich und im Verhältnis zur Einwohnerzahl die meisten Verkehrsunfalltoten ganz Deutschlands zu beklagen hat. Alle kleine Schumachers !

Maare und Burgen

Der Karl – Kaufmann –Weg zieht über die Höhe weiter, führt an Cotenickelchen, Bränkekopf und Rote Heck vorbei ( alle um die 600 m ), berührt die Orte Kelberg und Darscheid um schließlich auf den Dauner „Hausberg“, den Firmerich (489 m) zu leiten, von dessen Schutzhütte aus ich einen Panorama – Blick auf die Stadt genießen kann. Wesentlich mehr als der Ort, interessieren mich die nur einige Fußkilometer entfernt liegenden Maare. Mit dem Gemündener Maar, dem Totenmaar und dem Schalkenmehrener Maar hat der Wanderer die größte Dichte solcher „Seen“, die von der Allgemeinheit als Kraterseen längst erloschener Vulkane verstanden werden. Nehmen wir das so hin und überlassen den Experten die wissenschaftlichen Erläuterungen; es bleiben dennoch unübersehbare Besonderheiten: man wandert aufwärts zu den Seen ! Normalerweise liegen Mittelgebirgsseen tief unten in Senken und Tälern. Außerdem sind die mit Wasser gefüllten Maare ( von rund 80 Maaren in der Eifel sind das nur 8 ) in der Regel recht tief: mit rund 70 m liegt das Pulvermaar ganz vorne. Schließlich sei nebenbei noch erwähnt, dass das Wandern an und um die Maare ein Hochgenuß ist, vor allem, wenn viele Kilometer Hochwald hinter einem liegen. Ganz besonders das Hinüberlaufen zum Schalkenmehrener Maar – Ort direkt am Wasser gelegen – lässt einen nicht nur einmal den Auslöser der Kamera betätigen. Unweit dieser Idylle schlage ich am Waldrand mein Zelt auf, koche, lese, bin ungewaschen und fern der Heimat.

Schon der nächste Tag bringt neue Landschaftsform: das Liesertal bei Manderscheid. Vorher aber bei bestem Wanderwetter über Brockscheid (bekannte Glockengießerei ) und Eckfeld, vorbei am ehemaligen Kloster Buchholz (wo der Abfallcontainer des Friedhofes brennt und ich die Feuerwehr per Handy alarmiere) zum „Belvedere“ über Manderscheid. Oberburg und Niederburg ( letztere im Besitz des Eifelvereins), zwei mächtige Ruinenanlagen aus dem 10. und 12. Jahrhundert in unmittelbarer Nachbarschaft, prägen die Umgebung Manderscheids ebenso, wie Liesertal und das Tal der Kleinen Kyll. Plötzlich läuft man auf Serpentinenpfaden, über Holzbrücken die Bachseite wechselnd oder an herrlichen Aussichtspunkten vorbei. Wegführung und Charakteristik des „2ers“ gefielen mir ab hier bis nach Dreis im Salm – Tal besonders gut. Nicht zuletzt wegen des hervorragenden Klosterbiers, das vermutlich schon lange nicht mehr von der Zisterzienser – Bruderschaft des Klosters Himmerod gebraut wird, aber immer noch so schmeckt. Das Kloster selbst liegt einsiedlig im Salmtal. Im Zuge der Napoleonischen Krieg zerstört, dienten die Trümmer der Klosterruine dem örtlichen Haus- und Straßenbau. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts konnte der „Neubau“ (die charakteristische Fassade, anstelle von Türmen, wurde erhalten) geweiht und seiner ursprünglichen Bestimmung übergeben werden. Revitalisierung eines Ortes des Glaubens.

Trierer Wallfahr

Ein Wiesenrand unweit der Gemeinde Niederkail ist für heute mein „Campingplatz“. Der Pächter schaut fragend aus seinem Suzuki Jeep heraus, lässt mich aber in Ruhe, als ich ihm glaubhaft versichere: kein offenes Feuer, kein Müll, alleine und morgen in aller Frühe wieder weg. Weit weniger zu beeinflussen ist der Lärm der F 16 und anderer amerikanischer Kampfjets, die von der unmittelbar benachbarten Airbase Spangdahlem aus zu Übungsflügen aufsteigen. Es gibt jedoch die Vereinbarung, nachts nicht zu fliegen. Nicht wenige der hiesigen Eifeler haben Beschäftigung rund um den Standort gefunden. So wird die jüngst von der Bush - Regierung getroffene Entscheidung, die Truppenstärke in Spangdahlem ( = Doppelort: Spang und Dahlem) zugunsten Rammsteins zu reduzieren, wenig begeistert aufgenommen. Freude über den Abzug bleibt den Hippies vorbehalten, erklärt mir ein Jogger, dessen Arbeitsplatz ebenfalls gefährdet ist.

Der Weiterweg durchs Salmtal könnte idyllischer nicht sein. In den Orten Bruck und Dreis ist den sommerlichen Temperaturen entsprechende Stille eingekehrt. Während keiner anderen Mittelgebirgstour in Deutschland bin ich übrigens so leicht mit den Menschen ins Gespräch gekommen, wie in der Eifel. Annähernd allen mit denen ich sprach, war der Karl – Kaufmann – Weg bekannt, nicht wenige waren große Teile davon selbst schon gelaufen. Hier wird die gute Einrichtung des Eifelvereins als Heimatsinn stiftende Institution sichtbar. Gilt doch sonst beim Streckenwandern in der Regel der Satz: Frag nie einen Einheimischen! Bekannt war der Weg auch wegen der jährlich stattfindenden Pilgerfahrt von Blankenheim (Ahrtal – Quelle) nach Trier zur Grablege des Apostels Matthias, des einzigen Apostelgrabs nördlich der Alpen. Die Wallfahrer gehen innerhalb drei Tagen die rund 100 km lange Strecke zum Teil auf dem „2er“: ohne Buße keine Vergebung.

Vergebung ist immer von Nöten, beschließe aber dennoch meine herkömmliche Etappeneinteilung beizubehalten und steuere als letztes Übernachtungsziel den Ort Quint im Moseltal an. Zwischen der Salm und der Mosel liegt der Meulenwald, den mein Weg ausschließlich auf Forststraßen durchzieht. Hier hätte eine Korrektur, eine Streckenverlegung vier Meter rechts oder links in Wald hinein, meine Füße ( und Augen) geschont. So beißt man sich halt durch den leider unattraktiven Abschnitt.

Das erste Haus in Quint ist das des Försters, der meine Frage nach möglichem Zeltplatz auf seiner Wiese sehr bestimmt ablehnt, sieht er in mir doch eher einen Bruder der Landstraße. Erst nach gutem Zureden, überlässt er mir 5 qm.

Der nächste Tag verspricht mit dem Moseltal erneut veränderte Blicke und Landschaft. Zusammen mit dem linksführenden Moselhöhenweg läuft der Karl – Kaufmann – Weg das auf und ab der Moselhöhen aus. Ehrang und Biewer bleiben die einzigen Orte, bevor mich der Felsenpfad zum hochgelegenen Weißen Haus (Gasthaus) und hinunter zur Moselbrücke führt. Bei der End- wie Anfangspunkt anzeigenden Orientierungstafel am Beginn der Brücke, ohne die einer Streckentour etwas wichtiges fehlte, bleibe ich länger stehen und lese: Endpunkt auch des Josef-Schramm-Weges (Nr. 4) und des bekannten „6ers“ von Aachen nach Trier.

Ein Landstrich, in dem Wanderer vom Weg weg von Mitmenschen zum Frühstück nach Hause eingeladen werden („Komm Jong, mach Dir en Käs-Schmier!“) will wiederbesucht sein. Der „6er“ steht auf dem Programm 2005.

Erschienen in der Zeitschrift des Vereins Netzwerk Weitwandern e.V. Wege & Ziele 15 - Dezember 2004



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